27.08.2012

The proof is in the pudding

Pressekonferenz mit Chipperfield

Vor dem Teatro Piccolo Arsenale sammelt sich eine anschwellende Menschentraube: In 20 Minuten beginnt die Pressekonferenz zur Hauptausstellung „Common Ground“, in zehn Minuten ist Einlass. Der Saal füllt sich bis auf den letzten Platz, seitlich positionieren sich die Fotografen. Auf die Bühne steigen der Biennale-Präsident Paolo Barrata und der diesjährige Direktor David Chipperfield. Nachdem die beiden in den letzten Monaten ähnliche Veranstaltungen in einigen Hauptstädten Europas abgehalten haben, sind sie jetzt an ihrer Endstation in Venedig angekommen.
Dort geht es gerade erst richtig los; es ist Tag zwei der Preview, morgen wird die 13. Architektur-Biennale dem öffentlichen Publikum übergeben. Und das soll auch erreicht werden, nennt als erster Redner Barrata eines der Ziele der Großveranstaltung. Die nächsten drei Monate sollen kein „Kongress für Architekten“, sondern eine Schau für die breite Öffentlichkeit sein. Ein weiterer Schwerpunkt: Universitäten wurden ins Boot geholt, mehr als in den Jahrgängen zuvor, denn: „preparing students for the future“, umreißt Barrata das Ziel, und setzt noch ein „common ground – common aim“ dahinter. Dann übergibt er das Wort an David Chipperfield.

Der beginnt mit den üblichen Danksagungen, vergisst dabei auch sein eigenes Team nicht und klingt ganz authentisch. Seine weiteren Erläuterungen decken sich größtenteils mit den Erklärungen im Vorfeld; er leitet sie mit der Feststellung ein, dass es besonders schwierig sei, Architekturausstellungen zu machen. Nicht neu, aber deshalb nicht weniger wahr, denn Häuser kann man nunmal nicht 1:1 an Wände hängen. Aber das wollte Chipperfield mit „Common Ground“ auch nicht erreichen. Er betont mehrfach, dass es ihm nicht um die Präsentation von Einzelwerken ging, was ja bekanntermaßen ohnehin meist auf das Zelebrieren des Entwerfers hinauslaufe. Dem individuellen Drang seit rund 20 Jahren, sich mit Opernhäusern und Museen ins Gedächtnis der Fachkollegen und der öffentlichen Wahrnehmung einzuschreiben, dem Auseinanderdriften der Architektenschaft möchte Chipperfield mit „Common Ground“ die Fokussierung auf Gemeinsamkeiten im Entwickeln einer Idee, im Umgang mit den Randbedingungen des Bauens und den Dialog über gemeinsame Ziele entgegensetzen. Und so hat er die eingeladenen und empfohlenen Teilnehmer an dieser Biennale aufgefordert, mit den Exponaten ihre Entwurfshaltung zu erläutern. Eine Provokation, denn Manchen sei es schwer gefallen, sich von der Präsentation konkreter Bauten zu verabschieden oder diese in einen anderen Kontext zu stellen. Die Meisten jedoch hätten die Herausforderung gerne angenommen. Denn, so Chipperfield, „Architektur wird nicht nur von Architekten gemacht, sie hängt von gemeinsamen Bedingungen und der Gesellschaft ab“ – „Common Grounds“ eben. Chipperfield lässt auch die internationale Krise nicht aus; er sieht sie als den richtigen Zeitpunkt für ein Konzept, dass sich an Gemeinsamkeiten orientiert und die Architektur als Beitrag für die Gesellschaft versteht. „The proof is in the pudding“, fasst David Chipperfield seinen Ansatz flapsig zusammen.

Im Anschluss muss er sich nur einer unbequemen Frage stellen, warum nämlich überwiegend die „üblichen Verdächtigen“ versammelt und kaum Neuentdeckungen zu machen seien. Die Erklärung ist etwas umständlich; abschließend sagt Chipperfield, das jede Kandidatenliste subjektiv sei, eine andere Auswahl die selbe Berechtigung hätte.



Auf unsere Frage nach der verblüffend engen Nachbarschaft der Präsentationen von Zaha Hadid (ihre altbekannten freien Formen hängen schwebend im Raum) und Hans Kollhoff (von ihm sind ganz klassisch Modelle zu sehen), meint David Chipperfield, dass beide auf ihre ganz unterschiedliche Art wichtige und seriöse Haltungen verkörpern, Kollhoff zudem ein exzellenter Lehrer sein, kurz, dass beide zu einflussreich seien, um sie in einer solchen Ausstellung zu ignorieren. Die räumliche Nähe soll wohl die Gegensätzlichkeit ohne Pufferzone vor Augen führen.
Nach der Pressekonferenz hat man nicht das Gefühl, Neues erfahren zu haben, aber eine klare und schlüssige Zusammenfassung erhalten, gewürzt mit Antworten auf überwiegend wohlwollende Fragen. (Christina Gräwe)

Fotos: Thomas Spier