27.08.2012

Alle um einen Tisch

Im serbischen Pavillon steht ein sehr großer Tisch ohne Stühle – so in etwa könnte man die Ausstellung mit einem Satz beschreiben. Ein Tisch, an dem man nicht sitzen kann? Was soll denn das? Man darf auch nicht auf oder unter den Tisch, heißt es am Eingang, aber man darf die weiße Fläche berühren, auf ihr trommeln oder schlagen.

Es ist wirklich ein extrem großer Tisch, und er steht irgendwie etwas einsam da als einziges Exponat der Ausstellung. Nur durch seine enorme Größe wirkt er nicht verloren, sondern besetzt den Raum. Mit seiner 110 Quadratmeter großen Tischplatte ist er wesentlich größer als die meisten Wohnungen und passt gerade noch in die Ausstellungshalle. Der eigentliche Raum entsteht zwischen Exponat und Wand, mit einer Breite von 1,50 Metern bietet er genügend Platz, um aneinander vorbeizugehen, nicht mehr und nicht weniger. Dies ist der „Common Ground“, ähnlich wie eine der vielen engen Gassen Venedigs, in denen man sich begegnen, finden und verlieren kann.

Auch die Installation im serbischen Pavillon trennt und verbindet. Dahinter stecken zehn kreative Köpfe aus Belgrad, die sich mit ihrem Entwurf im Wettbewerb um die Bespielung des serbischen Pavillons gegen mehr als 40 andere Architekten durchsetzen konnten: Aleksandar Ristović, Janko Tadić, Marija Miković, Marija Strajnić, Marko Marović, Milan Dragić, Miloš Živković, Nebojša Stevanović, Nikola Andonov und Olga Lazarević sind junge Architekten, die erst im letzten Jahr ihren Abschluss gemacht und mit dem Pavillon auf der Biennale in Venedig ihr erstes Projekt auf die Beine gestellt haben. Dabei wird es gar nicht so einfach gewesen sein, eine Riesentafel mit nur vier Tischbeinen zu bauen – bei einer Spannweite von 22 Metern und eine Breite von fünf Metern! Unter der mattweißen glatten Oberfläche versteckt sich eine geschweißte Stahlkonstruktion, fünf parallel laufende Schienen bilden bogenförmige Träger, damit die große Tischplatte nicht durchhängen kann.

Der Tisch ist weder Möbel, noch ist er Architektur, vielmehr ist er ein vielschichtiges, mehrdeutiges Objekt, eine Auseinandersetzung mit dem Raum, ein Spiel mit dem Maßstab, mit Wahrnehmungen, eine Geste, ein Rundgang und eine Metapher. Er ist auch ein Paradoxon, denn er Raum ist voll und leer zugleich, und er ist ein Wortspiel: „100“ haben die Kuratoren ihren Beitrag genannt, „jedansto“. Im serbischen sind die Begriffe „einhundert“ und „Tisch“ homonym.

Man wollte nicht viele kleine Exponate im Raum verteilen, sondern sich auf eine Sache konzentrieren, erzählen die Kuratoren. Es ist auch der „Common Ground“: Sie haben an einem Tisch zueinandergefunden, die Installation symbolisiert also letzendlich auch einen großen Entwurfs-Kompromiss, mit dem alle zufrieden sind. Im Dickicht der aneinandergereihten, teils sehr didaktischen Architekturausstellungen dieser Biennale ist der serbische Beitrag sehr sinnlich, sehr ästhetisch, sehr konsequent, dennoch nahezu banal und erfrischend – eine reduzierte, einfache Ausstellung, die nicht mehr sein will, als sie ist. Am Ende laufen die Besucher alle einfach um einen Tisch – ein schönes Bild. (Jeanette Kunsmann)

www.jedansto.com