26.08.2012

Die Verteilung des Parmesan

Countdown vor der Biennale

Freitag, 24. August
Die Schilder und Stelen mit den Hinweisen auf „Common Ground“, das diesjährige Motto der Hauptausstellung, und die Hauptschauplätze der Ausstellung stehen, und jetzt vor Ort erschließt sich auch die Grafik des Schriftzugs: Sie ist der Optik der auf die Hauswände gemalten Straßennamen nachempfunden; klare, große Buchstaben mit einem Rahmen außenrum.
Rund um die Giardini und das Arsenale selbst herrscht nicht die nervöse Betriebsamkeit, die man knapp vor Ende von Ausstellungsaufbauarbeiten so kennt. Allerdings sind auch nicht viele Blicke ins Innere möglich. Aber die Geräuschkulisse verrät, dass in den Räumen und Pavillons nach neunmonatigem Leerstand wieder Leben einkehrt.

Das pralle Leben herrscht an einer ganz anderen Ecke. Auf dem Campo San Giacomo Dall´ Orio in Santa Croce feiert die kommunistische Partei ein Straßenfest. Die gesamte Nachbarschaft scheint versammelt – allerdings interessieren sich die Meisten mehr für die Zapfhähne und Bouletten, als für die feurigen Worte des Redners. Der gibt sich alle Mühe und steigert Sprechtempo und Lautstärke gleichermaßen. Ein paar Brocken bleiben hängen: Es geht um Integration, Solidarität und – „la distribuzione del parmigiano“.
Die Plastikbierbecher werden ganz im Sinn von „Reduce, Reuse, Recycle“ auf Wunsch ein weiteres Mal gefüllt.

Samstag, 25. August
Noch ein Tag, der Venedig selbst gewidmet werden kann und nicht ausschließlich den Biennale-Ausschnitten. Am Lido bietet die badewannenwarme Adria keine Abkühlung. Hier sind die Vorbereitungen offenkundiger, hier beginnen parallel zur Architektur-Ausstellung die diesjährigen Filmfestspiele. Dafür kämmen die Venezianos den Uferstreifen in ein feines Rillenmuster, eher japanischer Garten als Strand, am Übergang zum Wasser gesäumt von Muschelscherben – der Travertin von übermorgen.

Zurück in Castello führt ein Streifzug zufällig am außerhalb der Giardini und recht versteckt liegenden Ausstellungsraum der Katalanen und Balearen vorbei. Das Team ist mit dem Aufbau fast fertig, nur die Technik muss – wie üblich – noch eingestellt werden. Gezeigt wird in drei Abteilungen ein Querschnitt der Architektur der jeweiligen Landstriche. Im ersten Abschnitt sortieren die Kuratoren die Architekten nach Alter, beginnend mit Vertretern „under 80“.

Auf der Friedhofsinsel San Michele dann eine erste Begegnung mit David Chipperfield, ganz unabhängig von seiner Rolle als Direktor der Biennale 2012: Hier steht der erste Bauabschnitt für die Friedhofserweiterung, Sektion 23 mit vier offenen Höfen. Sie sind nach den vier Evangelisten benannt. Ringsrum reihen sich wie Schubladen die Fächer für die Toten. Die Grabplatten sind überbordend mit (Kunst-) Blumen geschmückt; das steht im starken Gegensatz zur schlichten Eleganz der Hofgestaltung aus grauem Beton. Warum der Hof des Heiligen Matthäus durchgehend gepflastert ist (die anderen sind wie Gärten angelegt), und warum dort runde statt eckige Stützen stehen, hat vielleicht eine Symbolik, die nur versteht, wer bibelfest ist? Die kontemplative Atmosphäre jedenfalls stört dieser Bruch nicht; sie wird durch das Plätschern der Brunnen - in seitlichen Nischen können die Gießkannen gefüllt werden – noch unterstützt.
Bis 2016 soll die Erweiterung abgeschlossen sein. (Christina Gräwe)

Fotos: Thomas Spier