21.08.2012

Reduce Reuse Recycle (1): Wolfgang Kil

Die BauNetz-Kolumne vor der Biennale

Am 29. August 2012 wird die 13. Architekturbiennale in Venedig eröffnet. Das Thema des deutschen Beitrags „Reduce Reuse Recycle – Ressource Architektur“ stammt von Muck Petzet. Wir nutzen die Gelegenheit und lassen unsere Autoren rund um das „Wenigerbauen“ schreiben. Den Anfang macht der Publizist Wolfgang Kil, der sich ausgiebig mit Schrumpfung und Rückbau befasst hat. Mit Leinefelde hatte er dabei einen Berührungspunkt zur Arbeit des Architekten Muck Petzet.

Es war einmal ein staatliches Bahnunternehmen, das beschloss, in einer sehr großen Stadt den Hauptbahnhof abzureißen und durch einen modischeren Neubau zu ersetzen. Während sich die Abrisspläne herumsprachen, wuchs unter den Architekten des Landes Unmut, vielleicht auch Scham, denn der alte Bahnhof galt manchen von ihnen, und erst recht im Ausland, als musterhaftes Exempel eines durchaus seltenen Stils. Doch gerade weil es ein so wenig populärer Stil war, ließen die Bahnmanager nicht mit sich reden. Als dann alle wuchtigen Pfeiler und mächtigen Dächer unwiederbringlich weg waren, wurden auch sie von einer Art schlechten Gewissens bedrängt. Als wollten sie Abbitte leisten, sorgten die Manager nun dafür, dass die nächsten großen Bahnhöfe des Landes ordentlich im Originalzustand renoviert wurden. Mehr noch, sie luden einige der protestierenden Architekten ein, sich in der Hauptstadt der Stadtbahnlinie anzunehmen.

Und siehe da, auch deren Stationen waren wundersame Vertreter eines noch viel selteneren Stils. Da ihnen dank Automatentechnik ihre eigentliche Funktion der Kundenbetreuung abhandenkam, dürfen sie nun als kleine Phantasiestreiche origineller Ingenieurskunst das Straßenbild der Metropole schmücken. Unaufdringlich heiter erinnern sie an die wagemutigen Jahre des Neuanfangs nach dem letzten Krieg.

Auch wenn manches vertraut klingen mag – diese Geschichte spielt nicht in Deutschland, sondern in Polen: Bitter zu betrauern ist der Verlust des Bahnhofs von Kattowitz, eines Hauptwerks des europäischen Brutalismus, für dessen Rettung die internationale Stildebatte leider zu spät begann. Die als „Wiedergutmachung“ dafür pfleglich renovierten S-Bahnstationen stehen in Warschau: fünf zauberhafte Pavillons mit frei geformten Schalendächern, legitime polnische Verwandte der weltweiten Candela-Nervi-Otto-Müther-Familie. Damals, in den späten Fünfziger-, frühen Sechzigerjahren, waren das furiose Fanale einer Stilwende, von Stalins Klassizismus zur modernistisch befreiten Form. Doch auch heute senden sie wieder Signale eines Wandels: Junge Warschauer Büros präsentieren sich mit diesen Projekten erstmals öffentlich, und sie werben für pfleglichen Umgang mit einer architektonischen Periode, deren Akzeptanz in Polen noch umstrittener ist als bei uns.

Ihre Erfolge können eigentlich nur beflügeln: Der untere Zugangspavillon der Station „Powisle“ etwa wäre aus Sicht der Bahn niemals zu halten gewesen, hätte nicht ein mit den Architekten befreundeter Jungunternehmer die „Fliegende Untertasse“ billig erstanden und darin ein Bistro eingerichtet. Samt seinem anheimelnden Vorplatz ist es zum Geheimtipp der Partyszene nahe beim Weichselufer geworden. Bevor also Architektouristen in Warschau sich die Hälse an den neuesten Skyscrapern von Libeskind oder Jahn verrenken, sollten sie sich eine S-Bahn-Zeitreise gönnen, von „Ochota“ über „Stadion“ bis „Wschodnia“. Spätestens bei Kaffee oder Apéro an der Powisle-Bar ist noch jeder den Swinging Sixties verfallen. Und wird deren Werke womöglich auch anderswo mit neuer Aufmerksamkeit bedenken. Bauerhalt beginnt mit Bildung.

Wolfgang Kil