05.09.2012

Taiwan: Gegenwart trifft Vergangenheit, West trifft Ost

Zwei Architekten und der Kurator Ke-Fung Liou, die sich in diesem Zusammenhang auch als Geografen verstehen, haben ihre analytischen Blicke auf Taiwan zusammengetragen. Sie beschreiben ihr Land als unruhig durch die vielen geschichtlichen und politischen Brüche; es sei Zeit, sich nach dem immensen westlichen Einfluss wieder auf die eigenen Traditionen und vor allem die einzigartige geografische und vegetative Vielfalt zu besinnen.

Die Ausstellung im ersten Stock des Palazzo tut das in zwei Unterabteilungen, die zu einer begehbaren Installation aus Wellpappe, überspannt von strahlenförmig arrangierten Kunststoffschnüren, zusammengefasst sind. (Die Konstruktion stammt von Ming-Bin Liao.)
Im ersten Teil läuft der Besucher durch schmale abgestufte Gänge und schlendert so durch das 1:1-Modell eines typischen Mittelklasse-Apartments – alles aus stabiler Pappe, alles benutzbar, nur auf der Toilette steht ein Schild „Do not sit“ (und die Armaturen sind leider echt). Yu-Han Michael Lin, bekannt aus dem Büro Behet Bondzio Lin, führt damit die Verwestlichung und Austauschbarkeit des alltäglichen Lebens vor – solche Wohnungen gibt es überall auf der Welt.

Von dem Apartment gelangt man in die Abteilung von Wei-Li Liao. Er widmet sich der facettenreichen Landschaft; Taiwan ist anders als 90 Prozent der Länder am Wendekreis des Krebses tropisch. Vom Meeresniveau steigen bis zu 3.000 Meter hohe Berge auf. Die Höhenunterschiede sind markiert, wobei 30-Zentimeter-Abstände 100 Metern in der Realität entsprechen. Man durchwandert also Miniaturschluchten und –berge, findet Nischen und Plattformen und – der Umgebung nachempfunden, wo er auch tatsächlich gebaut hat – eine Auswahl von Liaos Werk in Form von Modellen. Immer der Landschaft angepasst, immer sehr modern, japanisch anmutend (auch die Japaner hatten das Land besetzt).

Der Gegensatz der Papplandschaft zum umgebenden Raum, dem ehrwürdigen Palazzo-Gemäuer, könnte größer nicht sein und war beabsichtigt: Gegenwart trifft Vergangenheit, West trifft Ost.
(Christina Gräwe)

Fotos: Thomas Spier