Bauen für Despoten II
Gerkan und Ingenhoven geraten in Hamburg aneinander – ein Bericht
„Du musst unbedingt kommen! Ganz Hamburg ist zuplakatiert: Bauen für Despoten! Ingenhoven gegen Gerkan!“ Schon überredet; ich setze mich in den ICE.
In Hamburg ist gerade ein Aprilschauer niedergegangen, in der Freien Akademie der Künste an den Deichtorhallen ist es feucht-schwül, und der Junge am Getränketresen ist mit dem Ausschenken von warmem Weißwein hoffnungslos überfordert. Es wird richtig voll.
Auf einmal sitzen sie da auf dem Podium, Meinhard von Gerkan und Christoph Ingenhoven, umrahmt von zwei Spiegel-Redakteurinnen, von denen in den folgenden gut 90 Minuten allerdings nur eine sprechen wird. Wer nun geglaubt hätte, die beiden gestandenen Architekten würden höflich umeinander herumeiern, sieht sich auf das Unterhaltsamste getäuscht: Die beiden sind vielmehr richtig derbe aneinandergerempelt.
Beispiel Nationalmuseum auf dem Platz des himmlischen Friedens. Ingenhoven: „Ich würde mich nicht dazu hergeben, auf dem Platz ein Gebäude zu bauen, das der Verherrlichung des Regimes dient!“ – Gerkan: „Wir bauen dort eine Hülle für 5.000 Jahre chinesischer Geschichte!“ – Ingenhoven: „Aber doch nicht an diesem Platz!“ – Gerkan: „Großer Gott!“
Zwei völlig konträre Positionen. Das Schöne dabei: Bei beiden Kontrahenten ist es offensichtlich Herzblut und nicht akademisches oder wirtschaftliches Kalkül, das sie treibt. Gerkan ist längst der Guru der deutsch-chinesischen Architekturszene; viele Chinesen arbeiten in seinem Büro und sind an dem Abend als Jubelperser im Publikum. Klar, dass ihm das Thema nahe liegt. Aber was treibt Ingenhoven zu seinem moralischen Rigorismus? Er hatte vor Jahren Pech mit einem Hochhausentwurf in Shanghai, es gab Ärger mit dem Urheberrecht, Ingenhoven klagte und bekam Recht. Seitdem baut er nicht mehr in China und anderen undemokratischen Staaten, jedenfalls keine Symbolbauten.
Gerkan: „Das mit Ihrer Klage war ein kultureller Riesenfehler; Sie haben damit bei Ihren chinesischen Partnern einen Gesichtsverlust verursacht!“ – Ingenhoven: „Sowas ist mir völlig egal! Ich mache mir nichts aus Auslands-Knigges für Geschäftsleute. Da steht immer drin, dass man mit seinen ausländischen Partnern nicht über Religion, Politik oder Sex reden darf. Ich tue es trotzdem, das hat noch nie geschadet!“ Gelächter. – Und zu Gerkan gewandt: „Wenn Sie völlig zu Recht gegen die Deutsche Bahn klagen, warum kann ich nicht auch in Shanghai mein Recht suchen?“
Die Diskussion dreht sich meist um China (Spiegel-Frau Susanne Beyer: „Die größte Feuilleton-Debatte des Frühjahrs!“), aber auch um Ghaddafis Lybien oder das kommunistische Vietnam, wo gmp unter anderem das Parlamentsgebäude bauen. Für Ingenhoven ist das ein Scheinparlament: „Es gibt mehr Parlamente auf der Erde als Demokratien. In einer echten Demokratie könnten Sie das Parlament notfalls in jedem Kaufhaus tagen lassen!“ Gerkan: „Der Ort des Parlaments ist doch kein Fake, um etwas vorzugaukeln. Sie versagen Vietnam seine Chance zur Entwicklung!“ – Ingenhoven: „Nein, ich versage meine Mithilfe dabei!“ – Gerkan: „Wir bauen nicht für Systeme. Wir bauen Kirchen, Theater, Schulen, Wohnungen. Das wird dort gebraucht!“
Langsam wird klar, wo der Hase läuft. Es erinnert ein bisschen an die Frontlinien der Ostpolitik in den siebziger Jahren: Willy Brandt wollte „Wandel durch Annäherung“ und nahm in Kauf, mit undemokratischen Systemen zu verhandeln. Die Opposition sonnte sich dagegen im Bewusstsein der richtigen Moral – jedenfalls solange dies folgenlos war. Bekanntlich hat Helmut Kohl nach 1982 Brandts Politik geräuschlos fortgesetzt – weil es gar keine Alternative gab.
„Man muss tun, was richtig ist, nicht tun, was man kann.“ – „Man kann nicht sagen: Die machen das, also machen wir das auch“: Zwei typische Ingenhoven-Sentenzen dieses Abends. Gerkan antwortet auf sowas dann: „Warum machen Sie aus Ihrer eigenen Moral ein Postulat für alle? Das schadet dem Berufsstand!“ Die Moral des Architekten sieht Gerkan für sich anders: „Ein Problem habe ich, wenn ich den Bau als solchen nicht verantworten kann, nicht seine Nutzung.“ Also: Die Architektur muss gut sein, human, mit hohen Nutzungsqualitäten. Wer dann da einzieht, was der dann darin macht, liegt nicht in der Verantwortung des Architekten.
Außerdem: „Niemand wird uns unterstellen, dass unsere Architektur Macht ausdrücken soll wie bei Hitler oder Ceausescu. Wollen wir das Gute befördern, oder das Schlechte verhindern? Die Rolle der Verweigerung ist immer die einfachere, weil ja stets die anderen die Verantwortung haben. Ingenhovens Blickwinkel ist überheblich!“ – Dieser kontert: „Klappe halten, weiterbauen, dann kommt die Demokratie wohl von selbst?“ Im Publikum zischelt es: „Arroganz!“
So hätte es noch ewig weitergehen können, wenn Susanne Beyer nicht gegen Ende Gerkan gefragt hätte, ob er Ingenhoven bei seinem Projekt „Bauakademie“ in Hamburg für die Lehre berufen würde. Gerkan: „Ingenhoven würde gar nicht kommen, denn wir haben da zu 50 Prozent böse Chinesen mit Schlitzaugen!“ Ingenhoven: „Ihre Unterstellung, dass ich keine Chinesen mag, ist unfair!“
Da war er dann noch, der persönliche Angriff und kleine Skandal. Die Runde war zu Ende, die Getränke am Tresen längst leer, und der Regen hatte aufgehört. Zum Hauptbahnhof sind es 500 Meter. Auf dem Weg dorthin kam mir noch ein Gedanke: Ein Despot ist ein unumschränkter Alleinherrscher. Davon gibt es vielleicht noch zwei auf der Erde. Also haben wir heute gar nicht über „Bauen für Despoten“ debattiert. Aber worüber dann?
Benedikt Hotze
Abgesehen davon, dass inzwischen immer mehr fadenscheinige wirtschaftliche Gründe als Argument angeführt werden, wird auch gerne behauptet, dass durch die wirtschaftliche Einflussnahme eine Demokratisierung erreicht werden könne. Tut mir Leid, aber dies ist hanebüchener Unsinn und die Personen, die dies behaupten, tun dies entweder um ihr eigenes Gewissen zu beruhigen oder um andere zu täuschen und sich weiter zu bereichern. Es gibt tatsächlich kein einziges Beispiel in der gesamten bekannten Geschichte, in dem wirtschaftliche Einflussnahme oder Verquickungen zu einer Demokratisierung eines Systems oder Befreiung eines Volkes geführt hat - kein einziges! ... Ist es wirklich richtig, wirtschaftliche Gründe und Interessen in den Vordergrund zu rücken, wenn es darum geht für Systeme zu arbeiten, die die Menschenrechte nicht einhalten, Meinungsfreiheit nicht zulassen und die Würde des Einzelnen ignorieren, nur um sich als Architekt selbst zu beweihräuchern und sich selbst zu Lebzeiten ein Denkmal zu setzen? ... Das zweite Argument, was von bestimmten Kollegen gerne angeführt wird ist: tu ich es nicht, tut es ein anderer (schlechter)... Was ist denn das bitte für eine Begründung? Soll das hier nun wirtschaftlich (bevor mir ein anderer den Auftrag wegschnappt) oder überheblich künstlerisch (besser ich mach es, als irgendeiner, der mir das Wasser nicht reichen kann) gemeint sein? Ich habe früher noch gelernt, sowohl aus dem Elternhaus, als auch der Schule, dass so etwas nie als Grundlage des Handelns dienen darf, sondern vielmehr immer die Reflexion über sich selbst und die Beziehung zum Nächsten. Sollten wir es wirtschaftlich entschuldigend betrachten, wird es noch erbärmlicher, da es dann das zynische Lieblingsargument von Waffenhändlern wird. Selbst wenn man versucht diese Aussage aus der künstlerischen Perspektive zu betrachten, wird sie nicht wirklich besser, da sie dabei den schalen Beigeschmack von Arroganz und Überheblichkeit erhält. ... Hierbei stellt sich die Frage, ob dem Gehenkten wirklich wichtig ist, dass sein Scharfrichter ein großer Künstler ist und ein gutes Herz hat? ... Und schließlich noch die Frage, bzw. Hoffnung "gute" Architektur würde die Menschen verändern. Auch hier scheint es sich für mich lediglich um eine Scheinargumentation zu handeln. Die betroffenen und unterdrückten Menschen würden sich unter dem Einfluss herausragender Architektur über die Jahrzehnte, Jahrhunderte vielleicht ändern und beeinflussen lassen, das System aber, welches diese Architektur bestellt hat, doch wohl nicht. Hier stellt sich dann auch eher die Frage, ob sich der Künstler vom System nicht hat instrumentalisieren lassen. Sobald Menschen unter unwürdigen Bedingungen arbeiten und dabei um ihr Leben fürchten müssen, oder abertausende zwangsumgesiedelt werden, ist der Preis "guter" Architektur zu groß. Auch sollte die Funktion und der Ort des zu bauenden Gebäudes sorgfältig geprüft und hinterfragt werden: So sind Prachtbauten (Stadien und Paläste) für Regime, systemstützende Funktionsbauten (Fernseh- oder Radiosender) oder systemglorifizierende Bauten auf schicksalsträchtigen Orten (z.B. Platz des himmlischen Friedens) meines Erachtens nach moralisch überhaupt nicht tragbar. Zudem ist mir, weder in meinem Architekturstudium, noch beim Befassen mit Kunstgeschichte, je davon zu Gehör gekommen, dass Kunst oder Architektur zur Demokratisierung oder Befreiung geführt hätten. Vielmehr ist es auch hier so, dass alle Diktatoren, Despoten und "Unrechtssysteme" ihre mehr oder minder willigen Helfer bzw. Unterstützer unter Künstlern und Architekten fanden, die für ihre Tätigkeit währenddessen und, oder im Nachhinein immer eine Entschuldigung fanden. ... Wäre es nicht endlich an der Zeit, so selbstverantwortlich, selbstreflexiv und ehrlich, wahrhaftig zu sein, dass Entschuldigungen nicht mehr nötig sind?
ole scheeren hat es bei einer ähnlichen diskussion in berlin mal auf den punkt gebracht: der architekt hat nur einen begrenzten machtzirkel, auch wenn er das selber gerne anders sehen würde. ob der cctv von OMA dann demokratisch genutzt wird oder nicht hat nichts mit seiner glasfassade zu tun und dem "öffentlichen weg", der theoretisch durch ihn hindurch führen wird (der ist schnell abgesperrt) und auch nichts mit seiner anti-hierarchischen form... und: warum sollten die menschen, die unter einer diktatur o.ä. leiden, nun keine gelungenen gebäude, ökologisch nachhaltig, wiederverwertbar etc bekommen? boykott ist meistens unsinn, beständiger dialog mit ALLEN der beste weg. wer sich moralisch verhält sollte bitte auch nicht mehr bei Shell tanken, bei H&M kaufen und Nike-schuhe tragen. die kleinsten dinge sind manchmal politischer und nachhaltiger als eine neid-debatte über ein sehr gelungenes stadion in peking.