Sprachlosigkeit des Sterbens
Zum Tod vom Christoph Schlingensief
Voller Energie soll er gewesen sein. Voller Leben. Doch sein 2008 diagnostizierter Lungenkrebs verlangte nach einem langen Kampf das, was er am meisten fürchtete: den Tod. Am vergangenen Samstag ist Christoph Maria Schlingensief im Kreise seiner Familie gestorben. Im Oktober wäre er 50 geworden.
Die Angst als eines seiner Leitmotive hatte ihn seit 2008 stets begleitet, ja verfolgt. 2009 hatte er seine Ängste und Fragen in einem Buch veröffentlicht – „So schön wie hier kann es im Himmel gar nicht sein“ nannte er sein „Tagebuch einer Krebserkrankung“. Schlingensief, der im Scheitern schon immer eine Chance sah, hatte zuletzt sein eigenes Scheitern, seinen nahenden Tod, in den Mittelpunkt der Öffentlichkeit gestellt. Er, der Deutschland mit seiner Kunst und seinem Tun so oft schockiert hatte, provozierte die Gesellschaft am Ende mit etwas, das natürlicher nicht sein könnte. Die Nachrufe in den Medien zeigen, wie sehr Deutschland nun seinen intellektuellen Rebellen vermisst.
Der 1960 in Oberhausen geborene Regisseur, Theatermacher und Künstler, das so genannte „Enfant Terrible der Deutschen Theaterlandschaft“, war vor allem eins: Nichtraucher. Zufall oder Ironie des Schicksals? Seit seiner Krebsdiagnose hat Schlingensief gelebt und gearbeitet wie nie zuvor: Er hatte Stücke geschrieben, gegen die „Sprachlosigkeit des Sterbens“ gekämpft, vergangenen Sommer seine Freundin Aino Laberenz geheiratet, er ist gereist und hat versucht, seinen Lebenstraum zu realisieren: ein Festspielhaus in Afrika.
Remdoogo, das Operndorf in Ouagadougou, der Hauptstadt von Burkina Faso, plante Schlingensief zusammen mit dem Architekten und Aga-Khan-Preisträger Diébédo Francis Kéré (siehe BauNetz-Meldung zur Grundsteinlegung vom 5. Februar 2010). In der ehemaligen französischen Kolonie wollte er in dem neuen Operndorf eine Schule für 500 Kinder mit Musik- und Filmklassen, Werkstätten, einer Krankenstation, Solaranlagen und einem Brunnen entstehen lassen. In den vergangenen Monaten tourte er deshalb mit seiner Afrika-Oper „Via Intolleranza II“ durch Europa. Mit dem Stück entwirft Schlingensief das „paradoxe musikalische Bilder- und Dunkelphasenszenario einer utopischen Vereinigung durch das Misslingen hindurch“.
„Kunst kennt keine Sieger“, hatte der Regisseur einmal im Hamburger Bahnhof gesagt und die Preisverleihung der Nationalgalerie für junge Kunst abgebrochen. Vielleicht kennt das Leben auch keine Sieger. Aber Kämpfer und Rebellen: Christoph Schlingensief hatte noch viele Pläne, einen vollen Terminkalender. Neben dem Operndorf in Burkina Faso wurde er für die Gestaltung des deutschen Pavillons auf der Kunst-Biennale in Venedig 2011 vorgeschlagen. Auf der diesjährigen Ruhr-Triennale sollte sein neues Stück „S.M.A.S. H. - In Hilfe ersticken“ uraufgeführt werden. Und auch die Berliner Staatsoper wollte ihre nächste Spielzeit mit einem Schlingensief-Stück eröffnen.
Auf seiner Internetseite bitten Familie und Angehörige statt Blumen und Kränzen um eine Spende für das Operndorf in Afrika. Christoph Schlingensief ist verstorben, doch soll sein Traum noch zu Ende gelebt werden.
(Jeanette Kunsmann)
"So schön wie hier kann es im Himmel nicht sein!"
er hat 5 jahre haftung beim theater meist nur eine spielzeit und dann wandert man weiter.. wie schon gesagt: ein witziger geist, bin gespannt wann im theaterjournal mal ein architekt erwähnt wird (stimmt, ab und zu ein buehnenbild machen wir ja auch)
>>schlingensief war ein großer visionär...und das weil er an die dinge geglaubt hat...und nicht weil er sich für so besonders wichtig hielt soweit korrekt >>...von daher verkörpert er das was auch ein architekt an merkmalen haben sollte ...!!! das architekten mal solche merkmale haben, daran hat wohl selbst schlingensief nicht geglaubt ;) - die spezies müsste sich ja genau in's gegenteil verkehren. ist wirklich etwas bemüht, den armen schlingensief in's baunetz zu zerren!