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28.02.2017

Haltung oder Renommee?

Wer für den Pritzker-Preis 2017 in Frage kommt


Jurys lieben Überraschungen, keine Frage, das ist beim Pritzker-Preis nicht anders als bei Biennalen und Filmfestspielen. Der diesjährige Empfänger der hübschen Medaille wird morgen bekannt gegeben. Alejandro Aravena hatte vor einem Jahr sicherlich niemand auf der Liste, ebenso wenig wie vielleicht 2012 Wang Shu. Und dass auf Toyo Ito mit Shigeru Ban gleich ein weiterer Japaner folgen würde? Auch das war kaum zu erwarten. Die Liste möglicher Kandidaten ist jedenfalls lang. Was wäre zum Beispiel mit Elizabeth Diller oder David Chipperfield? Beide bestens geeignet, wie allerdings viele andere Kollegen auch. Alle Spekulation gleicht damit einer Lotterie, aber soll man sich den Spaß daran darum gleich vermiesen lassen?

Was zumindest der Jury bei ihrer Wahl helfen dürfte, ist ihre konstante Zusammensetzung: Mit Richard Rogers, Benedetta Tagliabue, Kristin Feireiss, Ratan N. Tata, Stephen Breyer, Martha Thorne, Glenn Murcutt, Yung Ho Chang und Peter Palumbo entscheidet 2017 wieder das gleiche Team. Lassen sich vielleicht die letztjährigen Diskussionen weiterführen, um mit verfeinerten Kriterien einen Weg durch das Kandidaten-Dickicht zu finden? Was sich mit Aravena angedeutet hat, könnte damit eine Fortsetzung finden: Dass nämlich nicht nur das Renommee zählt, sondern auch die Haltung. Sofort fallen einem da ein paar Namen ein, die am Ende vielleicht keine Chance haben, mit denen sich aber gut verschiedene Entscheidungsrichtungen skizzieren lassen.

Da wäre zunächst David Adjaye, der in zwei Welten zu Hause ist: In der des Luxus und der des Sozialen. Seit 1994 unterhält er ein Büro in London und von seinen frühen Wohnhäusern führte es ihn über die berühmten Idea Stores bis nach Washington. Dort wurde 2016 sein National Museum of African American History and Culture eröffnet, das ob seiner mehrdeutigen Referenzen in die Geschichte eingehen könnte. Adjaye wurde 1966 in Tansania geboren, seine Eltern stammen aus Ghana. Er wäre der erste Afrikaner, der den Preis bekommt.

Ebenso wie Afrika kann allerdings auch Südasien bisher keinen Pritzker-Preisträger vorweisen. Nicht nur aus diesem Grund wäre Amapurna Kundoo eine gute Wahl, gleichzeitig fände mit ihr auch das letztjährige Aravena-Prinzip eine würdige Fortsetzung. Kundoo wurde 1967 in Indien geboren, studierte in Mumbai und promovierte an der TU Berlin. Sie steht für bezahlbares Bauen und einen ressourcenschonenden Umgang mit Materialien, wie sie 2016 auf der Biennale in Venedig bewies.

Europäer dürften hingegen nach dem Preis für Frei Otto vor zwei Jahren keine großen Chancen haben – so jedenfalls die Intuition. Allerdings hat genau die ja bereits bei Shigeru Ban getäuscht. Eine interessante Option wäre da eine Wahl jenseits der internationalen Eurostars: Jemand mit Blick auf den regionalen Kontext. Eine Herangehensweise, für die beispielsweise der Vorarlberger Hermann Kaufmann steht. Unwahrscheinlich? Wie kein zweiter steht der Sohn einer Zimmermannsfamilie für die österreichische Bau- und Holzkulturwende – und damit nicht zuletzt für einen Trend, der die Baubranche endlich einigermaßen klimaschonend machen könnte.

Ein weiterer Ansatz wäre, den Blick mal nicht nur auf das Werk, sondern auch auf die Produktionsbedingungen in der Architektur zu richten. Der Taiwanese Huang Sheng-Yuan ist als Gründer von Fieldoffice in Europa zwar kaum bekannt, aber das hat einen guten Grund: Er verbringt seine Zeit lieber mit seinem Team als noch ein paar Hochhäuser abzuwerfen oder den Markt mit weiteren Veröffentlichung zu fluten – und dafür ist dann auch mal Feierabend. Die Qualität seiner Architektur ist jedenfalls allemal preiswürdig, aber es wäre eben auch eine längst überfällige Auszeichnung für das Leben neben der Arbeit.

Ist die Pritzker-Preis-Jury aber ernsthaft um die Senkung des Durchschnittsalters ihrer Preisträger bemüht, dann kommt vielleicht doch nur ein Kandidat in Frage – noch dazu einer mit großem Namen: Bjarke Ingels. Ein zu offensichtliches Plädoyer für eine schnelle Karriere? Vielleicht, obwohl der Däne mit seinem Büro in New York ja immerhin als halber Nordamerikaner durchgehen würde. Nach der Auszeichnung von Tom Mayne im Jahr 2005 wäre diese Region jedenfalls mal wieder dran – aber das würde natürlich um so mehr für Elizabeth Diller und ihren Partner Ricardo Scofidio sprechen.


Zum Thema:

www.pritzkerprize.com

Nicht alle Preisträger waren übrigens Stars. Mehr über die großen Unbekannten in der Baunetzwoche#426: Unknown Pritzkers


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Benedetta Tagliabue, Foto: Vicens Gimenez

Benedetta Tagliabue, Foto: Vicens Gimenez

Richard Rogers

Richard Rogers

Kristin Feireiss

Kristin Feireiss

Glenn Murcutt, Foto: Anthony Browell

Glenn Murcutt, Foto: Anthony Browell

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