Moderne leicht in Führung
Voting-Aktion zu Dresdener Neustadt
„Moderner Kasten“, „hässlicher Betonklotz“: Die Tonalität der Bild-Zeitung ist eindeutig. Die Boulevard-Journalisten wollen hier lieber ein Haus „nach barockem Vorbild“ haben. Und lassen ihre Leser im Internet darüber abstimmen.
Es geht um die Hauptstraße in der Dresdener Inneren Neustadt – ein Viertel, das ursprünglich barock bebaut war und nach den Kriegszerstörungen hauptsächlich mit Plattenbauten wieder aufgebaut wurde. Einer davon soll jetzt aus städtebaulichen Gründen weichen und Platz machen für einen modernen Entwurf des Dresdner Büros Knerer und Lang. Das gefällt der „Gesellschaft Historischer Neumarkt“ nicht, und so versucht sie über alle Kanäle, Volkes Stimme „pro Barock“ in Bewegung zu setzen. Doch eine erste Voting-Aktion eines lokalen Fernsehsenders endete überraschend mit einem knappen Sieg der Moderne-Freunde.
Nun legt die Bild-Zeitung mit einer neuen Wahl-Aktion nach und verschärft dabei den Ton deutlich – siehe oben. Die Aktion ist befristet und soll offenbar heute um Mitternacht enden. Bis dahin kann es noch die eine oder andere Überraschung geben: Heute Nachmittag jedenfalls lag die Moderne erneut leicht in Führung. Wenn es dabei bleibt, wird sicher in Kürze irgendwo die nächste Abstimmung lanciert....
(Nachtrag 16.30h: Die Bild-Umfrage wird ohne Veröffentlichung des Ergebnisses vom Netz genommen)
Eine Mehrfachabstimmung bei der Umfrage war möglich. Lt. Bild kam die Hälfte der Stimmen von der gleichen IP. Ich denke, der Entwurf spiegelt die Interessen der Architekten wieder, nicht der der Dresdner. Aber ist ja immer so!
Deshalb weiter so, damit Dresden endlich auch das Flair von Hagen, Gelsenkirchen, Essen und unzähligen weiteren "modernen" deutschen Städten versprühen kann!
Die Kritik am Entwurf von Knerer & Lang versteht sich eher als ein Pauschalurteil gegenüber zeitgenössischer Architektur denn als inhaltliche Auseinandersetzung; der weitaus expressivere, um nicht zu sagen barockere Entwurf Daniel Libeskinds an dieser Stelle wurde mindestens ebenso lautstark verrissen. Wie sonst könnte man auf Grundlage eines Bildes, das von der Bildzeitung sicher nicht gewählt wurde um das Gebäude vorteilhaft erscheinen zu lassen, die Qualitäten des Entwurfes beurteilen. Deswegen können wichtige Aspekte, wie die Vermittlung zwischen barocker Originalsubstanz rechts und in den letzten Jahren ebenfalls durch Knerer & Lang aufwändig sanierten und deshalb auf lange Sicht sicher nicht zum Abriss freigegebenen Plattenbauten, gar nicht diskutiert werden. Die Blickpunkte der Alternativvorschläge sind nicht von ungefähr gewählt und knapp neben dem Gebäude mit einem nicht existenten Anschlussgebäude abgeschnitten. Hier könnte man nämlich nicht mit der Transformation stoppen, sondern müsste fortfahren auch diesen Teil Dresdens wieder ins Barock zurückzubomben, was natürlich im Interesse der Rekonstruktionslobby läge. Wie schon wiederholt in der Vergangenheit geschehen wird hier wieder durch eine Interessenvertretung der Eindruck vermittelt Dresden hätte nur eine Chance zurückzuschauen. Ich wage allerdings zu bezweifeln, dass sich die Lebensqualität und Perspektive einer Stadt ausschließlich an Touristenzahlen messen lässt.