Binnenalster an der Spree
Utopische Pläne für Rathausforum Berlin
Spinnen war ausdrücklich erlaubt. Und so haben die Berliner Büros Chipperfield, Graft und Kiefer kräftig gesponnen: Fünf alternative Szenarien haben sie gemeinsam im Auftrag der Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung für den bislang namenlosen Platz zwischen Fernsehturm und dem zukünftigen Schloss-Standort entworfen.
Gestern wurden die utopischen Pläne der Architekten-Arbeitsgemeinschaft für den „Zukunftsraum historische Mitte – Rathausforum“ öffentlich vorgestellt. Senatsbaudirektorin Regula Lüscher versucht sich damit gegen ihren immer noch einflussreichen Vorgänger Hans Stimmann zu positionieren, der für diesen Bereich den Wiederaufbau kleinparzellierter mittelalterlicher Strukturen fordert.
Vorgestellt wurden mit einprägsamen Bildern diese fünf Visionen:
- Bei den Uferterrassen wird das Rathausforum geflutet; es entsteht eine Art Binnenalster als Ausbuchtung der Spree.
- Für den Archäologischen Garten werden vor dem Roten Rathaus mittelalterliche Fundamente ausgegraben.
- Für den Stadtpark entstünde die größte Grünfläche zwischen Tiergarten und Volkspark Friedrichshain: der Berliner Central Park.
- Für die Städtische Bühne säumen Arkaden eine freie Fläche – Platz für Veranstaltungen und Demos aller Art.
- Die Esplanade schließlich ist der Kompromiss, der Elemente der beiden vorgenannten Szenarien vereint: mit Baumreihen und freier Fläche in der Mitte.
Die genannten Szenarien sind ausdrücklich nicht zur Realisierung bestimmt, sondern dienen dazu, „den Kopf freizubekommen“ (Lüscher). Baubeginn könnte hier sowieso nicht vor 2017 sein; vorher wird hier die U-Bahn-Linie 5 gebaut. Aber Lüscher hat mit den satten Bildchen immerhin den vergangenheitstrunkenen Modellen Stimmanns etwas entgegenzusetzen.
Öffentliche Vorstellung in Form einer Bürgerwerkstatt: heute, 17. 12. 09, 18 Uhr
Ort: Spandauer Straße 2, Berlin-Mitte
Da wird demonstriert (nicht immer zu Freude der Rathauspolitiker) und Grün genossen. Dieser Freiraum ist extrem wertvoll, denn überall wird ja nachverdichtet, was das Zeug hält. Von daher Lob auf Frau Lüscher, dass sie hier gegen die Stimmannsche Doktrin angeht und nicht weiter im Mäntelchen von Parzelle und Camillo Filetgrundstücke an Investoren verscherbelt. Mein Vorschlag: die bestehenden Plätze und Grünanlagen einfach verbessern und mehr Geld für den Unterhalt, Büsche, Bäume, Mülleimer. Es sind nicht immer die großen Lösungen. "Make do with what is at hand". Geld fehlt doch eh. Und eigentlich ist es gar nicht schlecht. Bestünde überhaupt Gesprächsbedarf, wenn man nicht gegen Herrn Stimmann angehen müsste? Ist der AIV-Wettbewerb hier nicht auch genau Wasser auf diese Mühlen? Allen Teilnehmern - und seien sie noch so progressiv und ambitioniert - sei hier als eine lokale Meinung zugerufen: Meines Erachtens ist für den Standort die beste Lösung die Negierung der Grundannahme, hier müsste etwas projektiert werden. Sorry, aber auch ein Wasserbecken, macht hier nichts besser als vorher.
Ich weiß garnicht was Ihr alle habt. Alle diese entwürfe sind besser als so ein kleinparzellierter Disneylandüseudorekonstruktionsblödsinn, wie er jetzt in Frankfurt stattfinden wird. Ich weiß auch nicht, was hier viele für ein Bild haben, wenn es um "Utopien" geht. Müssen das gleich Walking-Cities, oder Städte unter Glaskuppeln sein?!? An so einem Ort geplant ein Wasserbecken anzulegen ist schon ziemlich utopisch, nur halt nicht im regionalplanerischen, sondern städtischen Maßstab. Da dies ein reiner Ideenwettbewerb war, hätte man sich auch schon 1-2 extremere Lösungen einfallen lassen können, aber halt nicht unbedingt müssen ...
Berlin hat schon genug Freiräume (zu bezahlen). Dieser hier ist weder historisch, noch urban begründbar. Was soll die dumme Abneigung gegen Investoren und das Bauen? Mit etwas gutem Willen ließe sich hier wenigstens an einer Stelle endlich die Zerissenheit der "deutschen" Hauptstadt überwinden. Dazu braucht es weder einen weiteren Stadtpark, noch eine berliner Binnenalster, weder ein archäologisches Forum (wann hört das endlich auf?), noch eine städtische Bühne von wahrhaft Speer'schen Ausmaßen. Ein in seinen Dimensionen angemessener "kleiner" Platz und ein "kleiner" Park reichen völlig. Wer in dieser urbanen Wüste Stadt will, sollte bauen!
Die "Esplanade" wirkt verwirklichbar, aber nicht erstrebenswert; ein gekonntes, aber simples Aufhübschen des Status Quo. "Städtische Bühne" erscheint als eine brutale Verdeutlichung der gegenwärtigen Ödnis. Der "Stadtpark" schaut aus wie eine Baumschule, alles zugepflanzt. Ist nicht schon der Tiergarten so etwas wie ein Central Park? Ist er zu klein oder zu weit entfernt? Wohl kaum. Die "Uferterrassen" könnten einer Diskussion wert sein. Am Humboldthafen oder auch am Landwehrkanal ließen sich jedoch authentischere Landschaftsräume gestalten; für eine Berliner Postkarten-Alster muss nicht die geschichtsträchtige Mitte ersäuft werden. Bleibt der "Archäologische Garten". Er zeigt, dass ein so weitläufiges und zentrales Areal nicht monofunktional "abgehakt" werden kann und die großen Szenarien im Maßstab 1:5000 thematisch verdichtet und sinnfällig detailliert werden müssen. Was könnte man beim Graben finden? Vielleicht eine mittelalterliche Hauptstraße, ein kurvig-langsamer, erzählerischer Raum, dessen melodischer Abschluß ein Reiterstandbild vor dem Schlossportal war? Ein absichtliches, geplantes Kunstwerk des 12. Jahrhunderts, leider unsigniert? Einen Städtebau nach seinen künstlerischen Grundsätzen? Anscheinend ist in Berlin jede feingliedrigere Struktur als das Stadtschloss oder Marzahn schon "kleinparzelliert" und "vergangenheitstrunken". Vielleicht ist der ach so unsympatische Herr Stimmann "immer noch einflußreich", weil er in dieser Sache einfach Recht hat?