Der bauende Bourgeois
Stadthaus von Karl Richter im Frankfurter Westend
Wo einst das Herz des deutschen Geisteslebens schlug, ist „eine der teuersten Wohnanlagen Frankfurts“ (FAZ) entstanden: Auf dem Grundstück des ehemaligen Suhrkamp-Verlagssitzes in der Lindenstraße im Westend hat das Frankfurter Büro Karl Richter Architekten einen gediegener Geschosswohnungsbau als „konventionellen Bautyp eines Stadthauses“ errichtet. Es enthält zwanzig Eigentumswohnungen „des gehobenen Segments“ (Richter).
Bei der Gestaltung beziehen sich die Architekten auf zwei Vorbilder: „Das Gebäude greift mit seinen erkerartigen Vorbauten, die optisch durch Loggien und Balkone verbunden sind, Motive von Bauten der vorletzten Jahrhundertwende im Frankfurter Westend, aber auch der klassischen Moderne auf“.
Ein Teil der Fassade ist verputzt, die Brüstungsbänder mit Naturstein verkleidet. Doppelflügelige Fenster und Fenstertüren sollen „die Eleganz des Fassadenbilds unterstreichen“, der plastisch ausgebildete südliche Gebäudekopf soll der Fassade eine starke Dynamik verleihen.
Die Architekten verbinden ihren Entwurf mit einer Gesellschaftsanalyse: „Das Haus ist ein Beispiel dafür, dass der bauende Bourgeois wieder elementare Stadtbausteine liefert. In diesem Fall handelt es sich um eine Eigentümergemeinschaft, deren Mitglieder auf der Suche nach Urbanität aus den Villenkolonien des Vordertaunus in die Innenstadt zurückgekehrt sind.“
Dieser Klientel werden nutzungsoffene Grundrisse angeboten; die Festlegung von Raumfunktionen, wie sie im sozialen Wohnungsbau üblich waren, wird vermieden. Das Gebäude trage dem großen Bedarf an neuen Häusern, die traditionelle Ansprüche an Dauerhaftigkeit und Nutzungsvielfalt erfüllen, Rechnung, so Richter, „zumal dies die Rentnerkolonien in den Einfamilienhausteppichen oder die großen Siedlungen, die sich zu subventionierten Gehäusen des sozialen Notstands entwickelt haben, immer weniger leisten können.“
Dem entsprechend sind auch die gemeinsamen öffentlichen Innenräume gestaltet: „Hauseingänge sind keine Löcher neben Garageneinfahrten, sondern eröffnen Schwellenräume und Vestibüle. Die beiden Treppenhäuser sind künstlerisch gestaltet, große Spiegel erweitern das Foyer im Erdgeschoss optisch.“
Schließlich macht Richter noch einmal klar, an wen sich sein Gebäude richtet: „Wenn das bürgerliche Individuum zum ersten Mal seit Beginn der Moderne aus den Vorortsiedlungen wieder in die Stadt zurückkehrt, ist das eine kulturelle Innovation von nicht zu unterschätzender Bedeutung. Das Stadthaus Lindenstraße ist dabei Gegenbild zur architektonischen und gesellschaftlichen Utopie der Moderne, die nach hundertjährigem Kampf um die kollektive Verfügungsgewalt über die Stadt zu nackter Planerhybris auf vergesellschaftetem Boden geführt hatte.“
Fotos: Uwe Dettmar
das hier gezeigte haus hat immerhin eine anständig gestaltete fassade mit klassischen anklängen zu bieten, verhält sich also nach außen, zur stadt hin, wenigstens einigermaßen nett und angemessen. im innenraum wird es dann an vielen stellen erbärmlich, und an des architekten stelle würde ich mir nicht zuviel auf die treppenhäuser und "vestibüle" einbilden - wir sehen hier austauschbare investorenware ohne besonderen gestalterischen oder handwerklichen aufwand. ein paar "edel" wirkende materialien und glitzernde leuchten reichen eben nicht aus, um einen guten innenraum zu gestalten. ganz viele ecken des treppenhauses sind eher weniger gut gelöst, und dann sollte man als urheber vielleicht einfach still sein statt große reden zu schwingen. gleiches gilt für die wohnungen, die außer überdimensionierten bädern im grundriss wenig interessantes zu bieten haben. ich weiß wohl, wie schwer es je nach bauherrn, dessen finanzen und vielen weiteren faktoren sein kann, ein gutes haus zu bauen. in diesem sinne wünsche ich den planern mehr fingerspitzengefühl und erfolg beim nächsten mal.
hätte ich es für eine umbaumaßnahme gehalten. immer traurig anzusehen, wenn bestimmt viel geld verballert wird und sowas dabei rauskommt.
Auch wenn ich so manche Überlegung und kritische Haltung gegenüber den "Errungenschaften" der klassischen Moderne nachvollziehen kann, sollte Herr Richter (noch nie gehört, übrigens) a) seine Meinung nicht so überheblich in die Welt hinausposaunen und b) auch eine Lösung für die in seinen Thesen identifizierten Probleme anbieten. Nur leider sehe ich keine Lösung, sondern ein ziemlich durchschnittliches Gebäude angesichts der Summen, die - so muss man annehmen - hier verbaut worden sind. Annehmbare Grundrisse (Büros wie bspw. Stefan Forster oder Fink & Jocher kriegen da regelmäßig Besseres hin, und das bei niedrigerem Standard), furchtbare Materialien, 08/15-Details... Kurzum: Uninteressant.
Wie ist der definiert? Küchenzeile + Esstisch + Fernsehcouch in einem vergleichsweise kleinen Raum = freier Wohngrundriss? Dunkle Flure, viele Bäder ohne Fenster. 2014: die Küche besteht in allen Wohnungen nur aus einer Küchenzeile (bestimmt was schickes teueres). Hmmm. Vielleicht vor der nächsten Wohnraumplanung mal die gute alte Römerstadt von Ernst May besuchen?