Sport im Denkmal
Sanierung einer Berliner Schwimmhalle
Wenn ein denkmalgeschütztes Gebäude energetisch saniert wird, stehen die Architekten in den meisten Fällen vor vielen Abwägungsentscheidungen. Die knapp 13 Millionen teure Sanierung der Schwimmhalle Finckensteinallee in Berlin-Lichterfelde stellte da keine Ausnahme dar. 2006 wurde das Bad geschlossen, vier Jahre lang dauerten die komplexen Sanierungsarbeiten, für die das Berliner Büro Veauthier Meyer Architekten zuständig war. Am heutigen Freitag wird die Schwimmhalle für den öffentlichen Betrieb wieder eröffnet.
Mit dem Baujahr 1938 und der ehemaligen Nutzung als Schwimmhalle für die Kaserne der Leibstandarte-SS Adolf Hitler lassen sich Größe und Auftreten des Backsteingebäudes erklären. Alles musste bedeutend sein: die Deckenhöhe für das Zehn-Meter-Sprungbrett, die Skulpturen im Eingangsbereich – das Bad war mit 25 mal 50 Meter einst Europas größtes Schwimmbecken. Die Ausmaße der bodentiefen Sprossenfenster oder der säulenumrahmte Eingang hinterlassen heute noch den Eindruck des einstigen Machtwahns. Nach dem Krieg diente die Kaserne mit der Schwimmhalle als Andrew Barracks der US Army bis zu deren Abzug 1994.
Nachdem das Militär-Bad ursprünglich nur für Männer vorgesehen war, wird es ab heute für die zivile Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Die Architekten mussten dazu „alle Sanitärbereiche geschlechtergetrennt und sichtgeschützt“ umgestalten. Neben der neuen Aufteilung der Zugänge, getrennt nach individuellen Besuchern sowie Schulen und Vereinen, wurden kostspielige Arbeiten an der neuen, 2.300 Quadratmeter großen Akustik-Abhängdecke vorgenommen, die „die Aufteilung der bauzeitlichen Decke aufnimmt und unter die Glasdeckenkonstruktion gehängt wurde“, so die Architekten.
Die Verringerung der Beckentiefe auf durchgehende zwei Meter und damit einhergehend der Abbruch der zehn Meter hohen Sprungturmanlage sei „die schmerzlichste Vorgabe“ gewesen. Als energetische Sparmaßnahme sei dies laut den Berliner Bäder-Betrieben jedoch notwendig gewesen, da bereits durch die immense Deckenhöhe größere Betriebskosten entstehen und aufgrund des Denkmalschutzes die Gebäudehülle nicht zusätzlich gedämmt werden konnte. Nicht verwunderlich, dass diese Schwimmhalle laut Presse in Zukunft eine der teuersten Anlagen der Bäder-Betriebe sein wird. Und das als rein sportorientiertes Bad ganz ohne Sauna, Wellness und Whirlpool. (pg)
Fotos: Tobias Reckert
Schwimmbäder auch zum Wohnen? Mehr dazu in der Baunetzwoche#352 „Schwimmen und Schwitzen“
Nils Meyer – www.nilsmeyer.com
hierzulande verhindern öffentliche bauherrn in ganz vielen fällen aus lauter angst vor verschwenderischen architekten geradezu das aufkeimen jeglicher architektonischer idee. alles, was irgendwie nach einem gramm mehr qualität riecht als irgend nötig, wird bekämpft, verhindert, diskreditiert. gleichzeitig werden mit deutscher gründlichkeit und technikgläubigkeit jede mögliche technische neuerung in die bauwerke integriert, jede unsinnige technische anforderung umgesetzt und jedes erdenklich mögliche versicherungsrisiko baulich ausgeschlossen. dadurch ist dann schnell das budget aufgebraucht, zumal man sich bei der wirtschaftlichkeitsermittlung offenbar an den kostenvorgaben aus den zeiten vor passivhaus, enev und verschärften brandschutzbestimmungen orientiert. allein schon dieses vorgehen verhindert in deutschland das entstehen hochwertiger architektur - wenn der architekt jeden seiner striche auf dem papier wirtschaftlich und technisch begründen muss, wird baukultur unweigerlich erstickt.
Ein erhaltenes Gebäude, auch wenn es aus Nazizeiten stammt, regt stärker zum Nachdenken an als ein abgerissenes! Es ist ein völlig richtiger Schritt, das das Denkmal aufwändig saniert und nicht etwa durch einen belanglosen Neubau ersetzt wurde. Soll man alles abreißen, was nicht unseren Werten entspricht? Es ist doch besser den Größenwahn der damaligen Zeit an den Gebäuden noch wahrnehmen zu können und davon zu lernen.
heute sind öffentliche gebäude für das allgemeinwohl, also schulen, kitas, bäder, sportplätze, einfach nur noch allerbilligste zweckbauten. selbst in den chronisch finanzschwachen EU-Ländern gibt man sich mehr mühe und investiert mehr, wie wir auf dieser platform immer wieder zu sehen bekommen. wenn man also ein schwimmbad aus der nazi-zeit saniert, aus welchen irrigen ideen auch immer diese damalige art von grossartigkeit hergeleitet wurde, hat man heute damit fundamental ein problem. billigausstattung trifft auf marmor, baumarktverschalung auf skulpturale kunstwerke, lichtdurchflutete innenräume auf die diktatur der enerigenutzungsverordnung. fast beschämt bekommt man dann den spiegel vorgehängt, wie billig wir heute geworden sind. ein sehr ähnliches hallenbad befindet sich übrigens auf dem olympiagelände und wird u.a. von den wasserfreunden spandau genutzt.
Das Gebäude kann nichts dafür? „... der Abbruch der zehn Meter hohen Sprungturmanlage sei ‚die schmerzlichste Vorgabe' gewesen ..." Lasst uns die NS-Zeit doch gleich originalgetreu restaurieren! So werden wohl auch die damaligen Architekten, samt ihrer ideologischen Vorstellungen „saniert“. Ein verantwortungsvoller Umgang mit Vergangenheit muss anders aussehen!
Einmal mehr stellt sich bei derartigen Projekten die Frage, was besser gewesen wäre: ein pseudo-romantisches vor-sich-Hinrotten, Abriss und Neubau oder Sanierung mit den limitierten vorhandenen Möglichkeiten.