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08.08.2016

Sumet Jumsai, der pinke Architekt

Neue Ausgaben von Architektur in Gebrauch


Von Luise Rellensmann

Gebrauch konstruiert Räume, soziale Beziehungen, Architektur. 2014 hatten die Berliner Architekten Sandra Bartoli und Silvan Linden von Büros für Konstruktivismus (bfk) erstmals vier Ausgaben ihrer Heftreihe „Architektur in Gebrauch“ publiziert, mit der sie Architektur vom bloßen Bild ihrer Erstentstehung befreien. Nun ist mit AG 5 und 6 eine Doppelausgabe erschienen, die sich Gebäuden aus Bangkok und einem außergewöhnlichen Architekten widmet.  



Viel Recherche steckt in diesen Heften über den heute 77-jährigen, thailändischen Ausnahmearchitekten Sumet Jumsai. Einer der wenigen Architekten seiner Generation, wenn nicht gar der einzige, der über die Landesgrenzen hinaus bekannt ist. Das von ihm geplante Robot Building (1986) im Bangkoker Geschäftsviertel Sathorn wählte das Los Angeles Museum of Contemporary Art (LACMA) sogar zu einem der 50 bahnbrechendsten Bauten des 20. Jahrhunderts. In Paris aufgewachsen und in Cambridge promoviert arbeitet er heute noch als Theoretiker.

Während sich Heft 5 Jumsais 1970 als British Council erbautem Gebäude – einem „Corbusier’schen Traum“ (Corbusean Dream), wie es die Autoren nennen –, dessen aktueller Nutzung durch ein Modelabel und seinem städtischen Kontext widmet, ist Ausgabe 6 ein Personenporträt, das sein Werk als Spiegel seiner Biografie und Persönlichkeit beleuchtet. Wie in vorherigen Ausgaben ergänzen die Herausgeber bauzeitliche Dokumente wie Berichterstattungen aus asiatischen und europäischen Fachmagazinen durch eigene u.a. auf persönlichen Interviews basierende Texte und feine axonometrische Zeichnungen, die den gegenwärtigen Gebrauch jeweiliger Häuser erkennen lassen.

Mit einem Aufsatz von Architekt und Stadtplaner Brian McGrath (Dekan und Professor für Städtebau an der Parsons School of Design) gibt AG 5 eine differenzierte Betrachtung der rasanten Entwicklung der Metropole Bangkok mit Fokus auf das sowohl von Einheimischen als auch von Touristen und Expats stark frequentierte Shopping Paradies Siam. McGraths aufmerksame Beschreibung thematisiert neben dem Wettstreit der – sich immer weiter vermehrenden und miteinander konkurrierenden – Shoppingmalls auch die kulturelle Vielschichtigkeit und Geschichte dieses kommerziellen Herzens Bangkoks. Auch zehn Jahre nach dem erstmaligen Erscheinen ist sein Text aktuell: Trotz derzeitiger Militärregierung und stagnierender Wirtschaft entwickelt die Stadt sich weiterhin rasant, der Kampf zwischen Tradition und Moderne ist Teil des alltäglichen urbanen Diskurses.

Sumet Jumsai selbst, sein Werk und seine Biographie zeigen dass es auch ein „Sowohl-als-auch“ gibt. Eigentlich durch und durch Modernist, beeinflusst von westlicher Nachkriegsmoderne, gilt Jumsai gleichzeitig als ein Pionier der Denkmalpflege in seinem Heimatland. Für ihn ist das kein Widerspruch: Denkmalpfleger und Modernist, westlich und nichtwestlich, Gelbhemd und Rothemd zugleich. In dem Land, in dem seit vielen Jahren ein Konflikt zwischen den königstreuen Gelbhemden und den nach Demokratie strebenden Rothemden herrscht, vertritt Jumsai trotz entfernter Abstammung aus der Königsfamilie eher linke Ansichten und schreibt sich selbst die Farbe Pink zu.

Doch auch vor seinen Bauten macht der Entwicklungsdruck der Stadt keinen Halt. Zwei in AG 6 aufgeführte Schlüsselbauwerke Jumsais sind diesem inzwischen zum Opfer gefallen: das in einem Seerosenteich platzierte Verwaltungsgebäude für Liegenschaften der königlichen Familie in Form einer Beton-Pyramide mit angegliedertem Büro-Kubus (The Pyramid, 1969) und das Büro- und Wohnhaus des Architekten (Charlermnit-Court). 1973 als Stahlskelettstruktur mit Betonfertigteilen errichtet, wurde das viergeschossige Apartmentgebäude mit Penthouse und geodätischer Fuller-Struktur durch ein vielfach größeres Condominium ersetzt. Mit Fuller, der Patenonkel seines Sohnes war, verband Jumsai eine enge Freundschaft, die Kuppel konnte er in sein Atelierhaus am Meer retten.

AG 5 und 6 sind die Wieder- oder gar Neuentdeckung einer facettenreichen Architektenpersönlichkeit. Das entlang Jumsais architektonischer Praxis gezeichnete Porträt gibt gleichzeitig aufschlussreiche Einblicke in den kulturellen und politischen Kontext seines Schaffens. Bartoli und Linden haben eine zeitgemäße Aufarbeitung und wertvolle Ergänzung zur schon lange vergriffenen einzigen englischsprachigen Monographie des Architekten geleistet.

Architektur in Gebrauch
Sandra Bartoli, Silvan Linden
AG5 – British Council
AG6 – House Jumsai


Englisch

10 Euro pro Heft, 25 Euro für vier Hefte


Zum Thema:

wp.buerofuerkonstruktivismus.de


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