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02.06.2017

Plakatives Erinnern

Museum des Zweiten Weltkriegs in Danzig


Danzig ist um einen architektonischen Anziehungspunkt reicher. Nach dem preisgekrönten Shakespeare-Theater von Renato Rizzi und dem eindrucksvollen Europäischen Solidarność-Zentrum des lokalen Büros Fort, wurde nun das Museum des Zweiten Weltkriegs am nördlichen Rand der historischen Altstadt eröffnet. Das Projekt basiert auf einem Wettbewerb, der 2010 stattfand und zu dem 240 Arbeiten eingereicht wurde. Die Jury – in der unter anderem Daniel Libeskind und Hans Stimmann saßen – entschied sich damals für das Projekt des Büros Kwadrat Studio Architektoniczne aus dem nahen Gdynia. Seit 2012 wurde an dem neuen Ausstellungshaus gebaut, Ende März wurde es eröffnet.

Eine der wesentlichen Entscheidungen der Architekten im Wettbewerbsentwurf war es, die Ausstellungshallen in den Untergrund zu verlegen. Dadurch entstand auf dem Grundstück ein öffentlicher Raum, der bereits gut angenommen wird und die Umgebung belebt. Das ist auch deshalb interessant, da das Museum in einem städtebaulich ausgefransten, von Brachen charakterisierten Areal zwischen historischer Altstadt und den berühmten Werftanlagen liegt.

Der Bau ist zweigeteilt. Die Verwaltung und andere dienende Funktionen sind in einem langen, flachen und keilförmigen Bauteil untergebracht. Im steil aufragenden, dramatisch gekippten Turm verteilen sich auf fünf Geschossen die Räume für Vermittlung und Forschung sowie ein Café. Zwischen diesen beiden skulpturalen Körpern liegt eine lange Zugangsrampe, die in das Foyer auf Ebene -4,50 Meter hinabführt und den Verlauf eines historischen Straßenzugs nachzeichnet, der im Zweiten Weltkrieg völlig zerstört wurde. Breite Treppenläufe leiten vom Foyer wiederum hinab in die großen Ausstellungshallen auf Ebene -14,00 Meter. Dort wird der Zweite Weltkrieg vor allem am Beispiel der Schicksale einzelner Menschen in szenischen Settings vermittelt.

Die Architekten beschreiben den aufragenden roten Turmbau als einen Widerhall der Hafenkräne und der roten Kirchtürme aus Backstein, die das Bild Danzigs prägen. Das Wissen werde im Untergeschoss bewahrt, der Freiraum um das Haus verorte dieses in der Gegenwart und die Vermittlungsräume im hoch aufragenden Bauteil wiesen in die Zukunft.

Unabhängig von der inhaltlichen Bedeutung und der politischen Relevanz des Projekts: Dem tiefroten Block und den bisweilen düsteren Innenräumen, in denen Sichtbeton und schwarze Stahloberflächen dominieren, fehlt vielleicht ein wenig gestalterische Subtilität. Auf jeden Fall scheint es eine Diskussion wert, ob man auf ein Ereignis wie den Zweiten Weltkrieg unbedingt mit einer symbolisch aufgeladenen und zum Plakativen neigenden, blockhaften Architektursprache reagieren muss.

Interessanterweise steht eine formal vergleichbare, inhaltlich aber ganz anders orientierte Kulturinstitution nur wenige hundert Meter entfernt: Das 2014 eröffnete Europäische Solidarność-Zentrum, das zu einer durchaus ähnlichen architektonischen Massivität tendiert. Wo Kwadrat mit stark eingefärbtem Beton arbeiten, setzten die Kollegen von Fort auf Platten aus Corten-Stahl, mit dem sie ihr nicht weniger großes Haus fast vollständig verkleideten. In beiden Fällen findet man weite, geschlossene Fassaden mit wenigen Fensterschlitzen, die mit ebenso großen, haushohen Glasflächen kontrastieren. Symbolik wird auch bei Fort groß geschrieben, doch der Bezugsrahmen ist ein ganz anderer – nämlich die Schiffe, die auf den Danziger Werften gebaut wurden und in denen wiederum die Solidarność-Bewegung ihren Anfang nahm. (gh)

Fotos: Tom Kurek the Photographer


Zum Thema:

Eine ausführliche Würdigung des Hauses durch Michael Kasiske ist im aktuellen Heft 11.2017 der Bauwelt zu finden.


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