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10.10.2017

Himmelsleiter

Krematorium in Katalonien von Estudio Carme Pinós


Kann ein technisches Gebäude emotional sein? Kann es Gefühle hervorrufen, aufnehmen, umhüllen? – Ja, es kann. Zumindest im Fall dieses Krematoriums in Igualada, eine Autostunde nördlich von Barcelona gelegen. Der 2016 fertiggestellte Neubau steht ganz im Norden der spanischen Kleinstadt am Rande eines Gewerbegebietes, eingebettet in einer parkähnlichen Friedhofsanlage. Die stammt von Enric Miralles und Carme Pinós und gehört dank ihrer Mischung aus Topographie und Architektur zu den wegweisenen spanischen Projekten der Achtzigerjahre. Das Estudio Carme Pinós (Barcelona) ist nun auch für den Neubau verantwortlich.

In den Momenten, in denen sie sich in Krematorien aufhalten, haben die trauernden Angehörige nicht vordergründig Augen für die Ästhetik von Raum und Architektur – dennoch ist das Gebäude von Pinós, wie auch die bestehende Anlage, in seiner schlichten Zurückhaltung eine ausdrucksstarke Setzung. Am Rande des Parkes auf einem Hügel positioniert, ist der Friedhof jedoch von dem 252 Quadratmeter großen Volumen aus nicht zu sehen. Ruhe und Schönheit des Ortes sind hier aber trotzdem spürbar, dafür sorgen raumhohe Fenster mit bewusst gewählten Bezügen in die umgebende Landschaft. „Unser Ziel ist es, das Gefühl zu vermitteln, auf einer anderen Ebene zu sein als die, auf der unser tägliches Leben stattfindet“, so die Architektin.

Für manche mag es befremdlich sein, einen Menschen einzuäschern, doch im Grunde ist es die natürlichste Form des Abschieds: Seit Jahrtausenden bestatten Menschen ihre Toten im Feuer. Ein Ritual mit Würde, den Angehörigen auch auf diesem Stück des Weges zu begleiten. Blumen in den Sarg zu legen oder das Lieblingskissen, noch einmal die kalte Hand zu nehmen. Und: Dabei sein, wenn sich das Stahltor hebt und für einen kurzen Moment die Wärme dahinter nach außen dringt.

Trotz der Tatsache, dass es sich um ein technisch-funktionales Gebäude handelt, soll es eine gewisse Poetik und Atmosphäre vermitteln. Mit natürlichen Materialien und Farben, die Geborgenheit vermitteln. Warmes Braun, umhüllendes Anthrazit. Hinter einer Glasscheibe können Angehörige verfolgen, wie der Sarg in die über 900 Grad heiße Kammer einfährt. In zwei Phasen verglühen erst das Holz, später Knochen und andere harte Bestandteile. Ein Prozess von fast zwei Stunden. Feuer ist radikal: Es lässt nur wenig zurück. Es nimmt die Substanz – und gibt doch Licht und Wärme.

Wenn das Feuer aus ist, wird es kalt. Kalt wie der Beton, der die äußere Erscheinung des Krematoriums bestimmt und dem Gebäude einen skulpturalen Charakter verleiht. Dabei bezieht sich Carme Pinós mit dem Material vorwiegend auf den dominierenden Baustoff des Friedhofs. Wie jeder Mensch zeigt auch dieser Bau seine Ecken und Kanten: Der an eine Ziehharmonika erinnernde Eingang, unregelmäßig gewinkelte Räume und in Gänze zwei gegenläufig spitz zulaufende Volumen. Spitz und aufstrebend, den Blick zum Himmel gerichtet.  In Richtung des Weges, den vielleicht auch die Seele des geliebten Menschen nimmt. Aber wer weiß das schon. (kat)

Fotos: Jesús Arenas


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