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24.08.2010
Keine Selbstzweifel
Ingenhoven zeigt neue Pläne für Stuttgarts Hauptbahnhof
Erst am letzten Freitag waren es 20.000, die am Schweigemarsch gegen Stuttgart 21 teilnahmen. In der soliden Schwabenmetropole kommen keineswegs nur die üblichen Protest-Verdächtigen zu den inzwischen täglichen Demonstrationen (siehe auch BauNetz-Meldung vom 27. Juli 2010), sondern schwäbische Hausfrauen, Lehrerinnen und Ingenieure. Sie tragen Aktentasche, Perlenkette und randlose Brille („Der Spiegel“).
Das Großprojekt, das die meisten Kritiker nicht nur städtebaulich, sondern auch verkehrstechnisch für unsinnig halten, hat die ganze Stadt gespalten. Das Volk ist nie gefragt worden, Tausende von Einwendungen wurden nicht einmal beantwortet. Der unnötig frühe Abriss des Nordflügels des Bonatz-Bahnhofs, tragischerweise der „modernste“ und schönste Teil des Mammutbaus, steht unmittelbar bevor.
In diese aufgeheizte Stimmung hinein platzierte der Bauherr Bahn am gestrigen Montag eine Pressekonferenz, in der „überarbeitete“ Pläne des Bahnhofs-Neubaus präsentiert wurden. Für die meisten Gegner dürften die Änderungen jedoch rein kosmetischer Natur sein. So werden die „Lichtaugen“ von 4,50 Metern auf 4,30 Meter im Durchmesser verkleinert und die Zugangsanlagen zur unterirdischen Bahnsteighalle verändert und mit einer „Gitterschale“ überdacht. Eine grundlegende Neuorientierung der Pläne gab es dagegen nicht; vom Abriss der Seitenflügel rückt die Bahn nicht ab.
Bahnhofs-Architekt Christoph Ingenhoven nutzte die Gelegenheit, an die Öffentlichkeit zu gehen. Mit Jeans, Business-Schuhen und offenem Hemdkragen, wie die „Stuttgarter Zeitung“ beobachtete. Der Architekt, der bekannt dafür ist, für seinen Berufssstand ethisch-moralische Standards einzufordern (siehe BauNetz-Meldung zum „Bauen für Despoten“), gab sich dabei komplett kompromissfrei. Politiker der Grünen, die sich gegen den Bau wenden, nannte er im „Tagesspiegel“ Vertreter einer „normalen Partei, die sich auch so benehmen: Sie agieren taktisch“ und „instrumentalisieren den Streit politisch“. Ein Erhalt der Seitenflügel sei bautechnisch nicht möglich, weil unterirdische Mineralquellen geschützt werden müssten.
Ingenhoven kanzelte auch seinen „Lehrmeister“ Frei Otto ab, der kürzlich auf wasserwirtschaftliche Risiken des Tiefbahnhofs aufmerksam gemacht hatte: Otto sei „weder qualifiziert, noch geeignet“, diese Risiken zu beurteilen. Im Übrigen seien Verkehrsbauwerke „immer schon Veränderungen unterworfen gewesen.“ Protest sei bei Großprojekten weltweit üblich. Die „Stuttgarter Zeitung“ urteilt über Ingenhovens Auftritt: „Selbstzweifel befinden sich nicht im Gepäck“.
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