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09.11.2016

Eine luxuriöse Verbindung

III: Interview mit Studio Gründer Kirfel


Anika Gründer und Florian Kirfel leben und arbeiten als Architekten und Künstler im Schloss Bedheim. Neben der schrittweisen Sanierung und Reaktivierung des Denkmals in Südthüringen haben sie im letzten Jahr beispielsweise den „Spiritus Familiaris“ in das IKMZ Potsdam von Staab Architekten einziehen lassen und einen Felsen aus Beton in den Garten der Villa Rosenthal in Jena gestampft. Im Rahmen der Reihe Kunst am Bau sprachen sie über Kunst am Denkmal, die optimale Verbindung zwischen Architektur und Kunst sowie das Verhältnis zwischen Architekten und Künstlern.

Von Dina Dorothea Falbe


Zwei Wettbewerbe habt ihr in diesem Jahr bisher gewonnen – einen in der Architektur (Bürgerhaus Wüstenahorn in Coburg) und einen in der Kunst am Bau (für den Neubau des Berlin Institute for Medical Systems Biology von Staab Architekten). Wie hat sich die Verbindung beider Disziplinen ergeben?

Florian Kirfel: Architekten sind wir beide. Anika hat die Kunst eingebracht.
Anika Gründer: Nach dem Architekturstudium habe ich überlegt, ob ich nicht lieber Künstlerin sein möchte. Ich habe ein Kunststudium angefangen, aber ziemlich schnell gemerkt, dass ich dieses Studium eigentlich nicht brauche. Zuerst haben Florian und ich uns für Kunstpreise beworben. Wie kam es dann eigentlich zur Kunst am Bau?
Florian Kirfel: Den Architekten kriegen wir aus uns nicht raus! Aber: Das Bauen ist eine Tätigkeit, die zur künstlerischen Betätigung reizt. Dieser Aspekt geht bei einem Architekturprojekt jedoch oft im Pragmatismus unter.
Anika Gründer: Wir machen also eigentlich keine „Kunst am Bau“, sondern wir „bauen Kunst“. Es gibt allerdings kaum Kunstpreise, die diesen Ansatz würdigen – viele Ausschreibungen gibt es beispielsweise für Medienkunst. Die Kunst am Bau ist zudem eine Sparte, in der man Geld verdienen kann, da das Budget sich prozentual nach den Baukosten richtet. Bei einem großen Bauprojekt gibt es entsprechend viel Geld für die Kunst.

Wie unterschiedet sich die „gebaute Kunst“ von der Architektur?

Florian Kirfel: Die gebaute Kunst ist für uns das pure Bauen; zweckfreies Bauen! In der Architektur, die man als mängelfreies Werk übergeben muss, gibt es kaum Spielraum für Experimente.
Anika Gründer: Es ist also ein Luxus, beim Bauen Kunst machen zu dürfen. Schon aufgrund der Ausschreibung ermöglicht die Kunst andere Freiheiten als die Architektur. Das beginnt bei der Treppenstufe im Felsen in Jena, die keiner Norm entspricht. In der Kunst ist das kein Problem. Sobald das Projekt nach HOAI bezahlt wird, also Architektur ist, würde diese Stufe zu einem Riesenproblem! In der Sparte Kunst am Bau unterscheiden wir nicht, ob das Architektur oder Kunst am Bau ist.

Das klingt, als würden Architektur und Kunst am Bau eine selbstverständliche Einheit bilden. Woher kommt dann das schlechte Image der Kunst am Bau?

Anika Gründer: Ich denke, für das schlechte Image der Kunst gibt es verschiedene Gründe. Zum einen ist sie immer auf ein (zumindest räumlich) größeres Werk bezogen – nämlich die Architektur. Sie ist keine One-man-show, wie es beispielsweise Einzelausstellungen sind. Das macht sie für einige Künstler unsexy. Zum anderen wird die Kunst am Bau nicht nur für qualitätsvolle Architekturen ausgeschrieben. Wo der Bau nichts kann, kann auch die Kunst nicht alles retten. Außerdem, das müssen wir auch sagen, gibt es viele schlechte Werke. Werke, bei denen die Kunst nichts mit dem Haus zu tun hat, oder aber auch Werke, denen eine gute Idee innewohnt, die aber eine zu grobe oder zu kompromissbereite Umsetzung erfahren haben. Und dann gibt es auch unglaublich banale und plakative Werke, bei denen wir uns fragen, wie eine Jury diese ernsthaft hat auswählen können.
Florian Kirfel: In der alten Bundesrepublik der Siebziger Jahre gab es die klassische Stahlskulptur vor dem öffentlichen Bau – dadurch wird aus der „Kunst am Bau“ allerdings „die Skulptur, die davor steht“.

Was macht ein gutes Werk aus?

Florian Kirfel: Wenn die Kunst am Bau gelungen ist, gibt sie dem Bau eine Bedeutungsebene, die aus dem Ort und der Architektur, wie sie geschaffen ist, vielleicht sonst nicht lesbar gewesen wäre.
Anika Gründer: Bei Wettbewerben zu Kunst am Bau gewinnen häufig sehr einfache Konzepte. Die Jurys haben die Erfahrung gemacht, dass, wenn sie etwas Komplizierteres auswählen, die Künstler das nicht umsetzen können. Viele gute Entwürfe, die aufregend und experimentell sind, werden nicht gewählt – aus der allgemeinen Angst, dass die Künstler es nicht hinkriegen. Das ist schade! Wir haben in den Wettbewerben einen Vorteil, weil wir wissen, wie man Grundrisse und Schnitte zeichnet.
Florian Kirfel: Als Anika den Kunstpreis in Jena in Empfang nahm, wurde sie noch auf der Preisverleihung vom Kulturamt angesprochen: „Schade, dass Sie Ihr Projekt nicht werden bauen können. Sie haben ja den Standort nicht eingehalten, Sie haben das Werk in den betonierten Steilhang gestellt!“ Es stellte sich heraus, dass Anika als einzige Teilnehmerin einen genordeten Lageplan abgegeben hatte. Alle anderen hatten den Plan gesüdet.

Werden die Künstler in ihrer Ausbildung nicht auf diese Aufgaben vorbereitet?

Anika Gründer: Viele Künstler, die an Kunst am Bau-Wettbewerben teilnehmen, haben eine handwerkliche Ausbildung und sind ganz klassisch auf die Verarbeitung von Holz oder Stahl spezialisiert. Die haben dann von einer Sache richtig Ahnung. Vielen, die heute allerdings „Freie Kunst“ oder „Kunst im öffentlichen Raum“ studieren, fehlt tatsächlich das Wissen darum, wie ihre Ideen handwerklich präzise und inhaltlich scharf umzusetzen sind. Sie benötigen dann gute Leute, die sie beraten und die können sich viele Künstler, vor allem zu Beginn ihrer Karrieren, nicht leisten.

Wie kommen Architektur und Kunst zusammen?

Anika Gründer: Es gibt Architekten, die bereits während des Entwurfsprozesses mit Künstlern zusammenarbeiten: Florian Nagler hat beispielsweise für die Fenster einer Kirche in München Riem mit der Künstlerin Hella De Santarossa zusammengearbeitet.
Florian Kirfel: Ein bekanntes Beispiel ist auch die Bibliothek in Eberswalde von Herzog & de Meuron, die dort mit dem Fotografen Thomas Ruff gearbeitet haben.
Anika Gründer: Dabei handelt es sich leider meist um Direktbeauftragungen. Beim Wettbewerb muss der Künstler oft eine fertige Idee würdigen.
Florian Kirfel: Als ich in der Schweiz als Architekt gearbeitet habe, hatten wir ein paar Projekte, wo die Künstler schon früh in die Planung einbezogen wurden. In einer Schule wurde beispielsweise eine Uhr zur Hälfte in den Sichtbeton eingelassen. Dies lässt sich nicht mehr realisieren, wenn die Kunst am Bau erst kommt, wenn das Gebäude fertig ist. Dann kann man nur noch die Oberfläche „behübschen“.
Anika Gründer: Von der Architektenseite hört man dann: „Hilfe, mein Gebäude kriegt Kunst am Bau!“, als sei es eine Strafe.

Wie stehen die Künstler dazu, wenn Architekten Kunst am Bau machen?

Anika Gründer:
Es gibt viele Künstler, die großen Unmut empfinden, dass eine Welle von Architekten derzeit an Kunst am Bau-Wettbewerben teilnimmt und gewinnt.
Florian Kirfel: Ist das wirklich ein neues Phänomen? Grenzüberschreitungen von Architektenseite hat es schon bei Le Corbusier gegeben. Die Konkurrenz geht allerdings nur in eine Richtung – Künstler können keine Architekturprojekte machen, dazu ist der Beruf zu abgeschottet.
Anika Gründer: In Künstlerkreisen wird häufig angenommen, dass die Architekten mehr Geld verdienen, weil sie größere Projekte haben. Dabei wird man ganz anders bezahlt: Als Künstler arbeitet man immer als Generalunternehmer mit einem Gesamtbudget.

Kann die Sichtweise als studierter Architekt nicht auch die Ideenfindung einschränken?

Anika Gründer: Wenn man Kunst macht, muss man sich schon als Künstler begreifen, sonst nimmt man wirklich den Künstlern den Job weg. Künstler haben Fähigkeiten, die längst nicht alle Architekten haben und auch nicht unbedingt haben möchten.

Wart ihr 2013 in Japan in der Villa Kamogawa vom Goethe-Institut als Architekten oder als Künstler?

Florian Kirfel: Wir haben ein klassisches Architekturthema gewählt: Nachnutzung von Bestandsarchitektur. Die Japaner haben eher eine Abriss-und-Neubau-Mentalität. Die Residenz wird an Architekten vergeben, die zumindest einen forschenden oder sogar einen künstlerischen Anspruch haben, also nicht nur in HOAI-Leistungsphasen denken. Unser Projekt wurde dann immer künstlerischer, während wir dort waren. Der Kamogawa-Aufenthalt hat uns die Möglichkeit gegeben, uns neu aufzustellen: Wir haben unser Büro daraufhin von Weimar nach Bedheim in das Schloss verlagert.

Spielt die Kunst eine Rolle in der schrittweisen Sanierung und Reaktivierung des Schlosses – Ich denke an euren Schriftzug: „Brauch
st Du hier Mut“?
Florian Kirfel: Anikas Doktorarbeit handelt von der Kunst als Möglichkeit, die Leute zum Reden über das Schloss zu bringen.
Anika Gründer: Auch ohne die Kunst kommen Besucher hierher, um zu sehen, wie das Schloss schrittweise wieder aufgebaut wird. Totalsanierung wäre allerdings allein aus wirtschaftlichen Gründen keine Option für uns.
Florian Kirfel: Unsere Wirtschaftsweise können wir also kaum als Konzept benennen. Hinter unseren Kunstprojekten im Schloss steckt zwar eine ernsthafte Fragestellung, trotzdem macht es auch einfach Spaß!

Wie seht ihr eure Zukunft in der Kunst am Bau?

Anika Gründer: Viele Ausschreibungen interessieren uns nicht, weil die Architektur uns nicht inspiriert. Ich finde es schade, dass nicht häufiger Kunst am Bau bei Sanierungsprojekten ausgeschrieben wird. Damit würden wir uns gern etablieren.
Florian Kirfel: Unser Entwurf für die Staatsoper unter den Linden hat leider nur den 3.Preis erhalten – das Projekt hätten wir sehr gerne umgesetzt!

Was ratet ihr jungen Künstlern oder Architekten, die Kunst am Bau machen wollen?

Anika Gründer: Offene Auschreibungen und Initiativprojekte sind zu Beginn der einzige Weg, entsprechende Aufträge zu bekommen. Für alle beschränkten Wettbewerbe muss man regelmäßige Ausstellungstätigkeit nachweisen. Das ist am Anfang schwierig. Man muss zuerst kleine Projekte machen. Zu Wettbewerben werden Künstler, nicht Architekten zugelassen. Für die Jury zählt als Künstler, wer Werke erbaut hat, die nicht nach HOAI abgerechnet wurden. Heimlich wird aber das architektonische Wissen geschätzt, weil die Darstellungen oft glaubwürdiger erscheinen.

Fotos: Matthias Hoch


Zum Thema:

Am 12. Oktober startete die Reihe Kunst am Bau, die in regelmäßigen Abständen Fallbeispiele, Essays und Interviews zu dieser wenig beachteten Kunstform bringt. Die vorherigen Beiträge waren: „Das verdammte Image“ von Sophie Jung und „Zwischen Staatsauftrag, Marketing und Feigenblatt” von Karin Leyendecker


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