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10.03.2016

King of the Block

Hans Stimmann zum 75. Geburtstag


Von Stephan Becker

Maurerlehre, Marxschulung und eine Doktorarbeit über die Schlangenbader Straße, eine vierzehngeschossige Autobahnüberbauung, die als Paradebeispiel eines gescheiterten Zukunftsglaubens gelten darf: Hans Stimmanns Weg zum „Geschmacksdiktator“ der europäischen Stadt erscheint rückblickend erstaunlich vorgezeichnet. Gestern feierte der frühere Senatsbaudirektor seinen 75. Geburtstag.

Noch immer ist der Einfluss Stimmanns in Berlin an jeder Ecke zu spüren, selbst knapp zehn Jahre nachdem er seinen Ruhestand antrat. Nicht ganz eindeutig ist allerdings auch, wer wen mehr geprägt hat: die Stadt ihn oder er die Stadt. Für einen Lübecker Jungen, dessen Karriere auf der Baustelle beginnt, der dann an einer Fachhochschule Architektur studiert, um schließlich Anfang der Siebzigerjahre in der Stadtplanung an der hochpolitisierten TU Berlin zu landen, war es jedenfalls kein kurzer Weg.

Der Paradigmenwechsel im Städtebau war da nämlich schon in vollem Gange – herbeigeführt unter anderem vom studentischen Protest gegen Trabantenstädte wie das Märkische Viertel, von der Kreuzberger Hausbesetzerszene und dem aufgeschlossenen SPD-Senator Harry Ristock. Letzterer war auch maßgeblich für die IBA verantwortlich, die schließlich von Hardt-Waltherr Hämer und Josef Paul Kleihues umgesetzt wurde. Dessen Idee einer Kritischen Rekonstruktion war es, die Hans Stimmann schließlich nach der Wende zur Grundlage seiner eigenen Arbeit als Senatsbaudirektor machte.

Dass es ihm, dem marxistisch geprägten SPD-Politiker, im Vergleich zu Kleihues hier und da an liberaler Leichtigkeit gefehlt haben dürfte, lässt sich rückblickend natürlich leicht sagen. Fest steht aber, dass unter Stimmann aus der Kritischen Rekonstruktion mit ihren vielfältigen Potentialen jenseits von Stadtgrundriss und Bauflucht ein enges Dogma wurde, dem sich auch seine Nachfolgerin Regula Lüscher bis heute nicht ganz entziehen kann.

Sein Versuch, die städtebauliche „Heilung“ Berlins mittels eines engen Formenkorsetts zu erzwingen, schrieb dabei auf seltsam paradoxe Weise die sozialdemokratischen Ideologien der Sechziger- und Siebzigerjahre fort. Während in der Nachwendezeit das wilde Berlin mit seinem jungen Kreativunternehmertum entstand, setzte Stimmann noch immer auf die Idee einer bevormundenden Stadtpolitik, die am besten weiß, was ihre Subjekte brauchen – kaum anders also als noch wenige Jahrzehnte zuvor die Vertreter der modernen Stadt.

Wie unübersichtlich die Lage damals allerdings auch war, beschreibt Stimmann eindrücklich in einem Gespräch, das 2015 im Buch „The Dialogic City“ erschienen ist. Im Spannungsfeld zwischen Politik und Wirtschaft, zwischen Großstadt-Traum und Goldgräberstimmung, mag Stimmanns harte Linie auch oft ihr Gutes gehabt haben. Und seit selbst in Mitte immer wieder Altbauten einer profitorientierten Billigarchitektur weichen müssen, möchte man ihm sogar zustimmen, wenn er 2015 sinngemäß schreibt: „Jeder Abriss ist falsch“.

Um sein Erbe zu beurteilen, ist es ohnehin noch viel zu früh – städtebauliche Prozesse vollziehen sich schließlich in Jahrzehnten, mindestens. Und angesichts des sich nun wieder zunehmend beschleunigenden Wachstums der Spree-Metropole darf man auch weiterhin auf die streitbaren Appelle dieses unbestritten wichtigen Stadtbaumeisters hoffen.


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