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21.10.2016

Corbu nein, Eames ja

Gespräch mit Volkwin Marg zum 80. Geburtstag


Vor einer Woche, am 15. Oktober 2016, wurde Volkwin Marg 80 Jahre alt. In seinem Hamburger Wohnhaus soll er im privaten Kreis, begleitet von Buffet und feiner Kammermusik, den ganzen Tag gefeiert haben. Eine recht zurückgezogene und dennoch würdevolle Art, dieses Datum zu begehen. Das passt zu Volkwin Marg, der sich gerne maßvoll und unaufgeregt gibt.
Heute Abend wird es jedoch offizieller: In Berlin eröffnet er eine Ausstellung, die persönliche Einblicke in die Welt des Architekten gibt. Aus diesem Anlass ein leichtes Gespräch mit Volkwin Marg über Wohnhausträume, Ohrensessel und die eine Mission, die man als einer der wichtigsten Baumeister Deutschlands im Alter von 80 Jahren auf jeden Fall noch haben sollte.


Von Sophie Jung


Der Ursprung der Karriere vieler Architekten liegt häufig in dem schon seit der Kindheit gehegten Wunsch, das eigene Haus zu entwerfen. Herr Marg, nun im Alter von 80 Jahren, nachdem Sie weltweit viele Häuser gebaut haben, können Sie sich an so einen Wunsch erinnern?

Nein, mir reichte zunächst ein Dach über dem Kopf.

Keine Fantasien vom Fahrstuhl direkt ins Bad oder einem Minihaus auf der Kirchturmspitze? Dann kommen wir mal zur Realität. Wie haben Sie denn tatsächlich gewohnt in der Frühphase von gmp, noch bevor es zu einem der größten Büros in Deutschland wurde?
Wenn man ein ganz junger Architekt ist, hat man zunächst gar kein Geld. Ich habe damals unsere Mietwohnung selbst ausgebaut. Ikea gab es ja noch nicht. Stattdessen ging ich zum Baumarkt, hab ein bisschen Holz und einen Bohrer geholt und die Möbel eigenhändig konstruiert. Das war alles einfachster Natur. Ich war ein sparsamer Habenichts. Das höchste der Gefühle war damals der zerlegbare Safari-Stuhl vom berühmten dänischen Architekten Kaare Klint.

Als es besser ging und schon Kinder da waren, kam ein baufälliges Haus dran. Das Faszinierende an diesem Haus war der Ort. Nämlich die schönste Stelle in Hamburg, die ich mir überhaupt vorstellen konnte. Direkt unten an der Elbe, mit Blick auf den Hafen. In einer Hauszeile, in der lauter kleine Leuten wohnen, mit sozialer Bindung untereinander und in enger Nachbarschaft. Im Grunde eine spießbürgerliche Idylle. Da wuchsen dann die spielenden Kinder am besten auf. So ein baufälliger Altbau ist ein Groschengrab. Wir hatten immer noch nicht viel Geld und haben darum das Haus innen komplett mit Holz verschalt. Das erinnerte viele an eine Jugendherberge. Dort habe ich zwischen Alteingesessenen, Schriftstellern und Malern vierzig Jahre lang gerne gelebt.

Sie sind in Berlin, einem wichtigen Zentrum der klassischen Moderne, aufgewachsen. Im Zusammenhang mit Ihrem Engagement für die Neugestaltung des Kulturforums erwähnten Sie einmal, Hans Scharoun und Mies van der Rohe seien die Halbgötter Ihrer Jugend gewesen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Sie sich doch einmal in ein besonderes Haus gesehnt haben?
Doch, es gab einen Anlass. Über unserem Büro wohnte ein Innenarchitekt namens Köhnemann. Der kam zu mir und zeigte mir ein Grundstück an einem steilen Nordhang und fragte ganz unbefangen: „Kann man darauf ein Haus bauen? Da steht jetzt so ‘ne alte Bude drauf, ganz oben am Hang.“ Ich sah es mir an und sagte: Sofort! So ist das erste selbstgeplante und gebaute Haus doch ein Einfamilienhaus geworden, mit den Idealvorstellungen die ich hatte. Am Hang, aus Holz, auf Stützmauern und Terrassen, aus Beton. Obwohl das Haus seinen Ausblick nach Norden hat, ist es um einen sonnigen offenen Hof gruppiert. Fertiggestellt vor fast fünfzig Jahren. Mit dem  Ehepaar Köhnemann sind wir immer noch privat befreundet. Mittlerweile steht das Haus unter Denkmalschutz. Ein grundsolides Haus voller Wohnqualität.

Aus Ihren Antworten klingt fortweg eine Neigung zum Maßvollen, Anspruchslosen heraus. Das ist sehr tugendhaft. Ich stelle mir aber, ganz ehrlich, das Privathaus eines Volkwin Marg, recht großzügig vor.

In dem Haus, das wir jetzt bewohnen, haben wir uns schon bequem eingerichtet. Es war das Haus meines Sohnes, das ich umgebaut habe. Es hat einen sechs Meter hohen Wohnraum mit einer Galerie, einen großen Kamin und Platz für einen Flügel. Ich liebe Hauskonzerte – Musitektur nenne ich sie. Es ist schon ein sehr großzügiges Haus. Der schönste Luxus ist viel Raum. Erneut ein Holzhaus, mit einem parkähnlichen Garten.

Aber wissen Sie: Wohnen, Gewohnheit, gewöhnlich – alle haben den gleichen Wortstamm. Man wohnt dort, wo man sich wohl fühlt und die Rangfolge lautet:  richtiger Ort, richtige Nachbarschaft, richtiger Ausblick, wohnliches Ambiente. Das alles hat im Grunde mit Styling und Design gar nichts zu tun. Ich habe einmal in Hamburg direkt an der Elbe ein altes Kühlhaus zum Seniorenwohnheim umgebaut. Da wohnte meine Mutter. Sie hatte alle lieb gewonnenen Möbel mitgenommen, ungeachtet der Gebäude-Architektur, und ging in ihrer neuen Wohnung ihren alten ‚Gewohnheiten‘ weiter nach, wie vorher. Man muss zu sich selbst kommen können in Wohnhäusern.

Und Architektur muss die Möglichkeit dazu geben, zu sich selbst zu kommen? Das ist aber eine sehr humane Haltung.
Schlimm wird es, wenn Architektur oder andere Umstände einen davon abhalten! Unbrauchbare Gebrauchsgegenstände tun das zum Beispiel auch. Sie kennen doch sicher die Liege von Le Corbusier? Die habe ich mir tatsächlich mal als junger Architekt gekauft. Und dann sehr schnell auch wieder verschenkt. Wenn man darin Zeitung liest, ist die Haltung vorgeschrieben, auf die Seite kann man sich gar nicht erst legen. Das heißt: Hier diktiert ein Designer, wie ich zu sein habe. Wenn Sie auf Ungers Stühlen im Architekturmuseum sitzen, haben Sie nach zwanzig Minuten Rückenschmerzen. Norman Fosters Glas-Schreibtisch mit den verchromten Beinen ist ein ganz besonders unbrauchbarer Gebrauchsgegenstand. Die Glasplatte ist kalt am Bauch, die abgelegte Hand erzeugt auf dem Glas Schweißränder, keine Schublade um etwas abzulegen, auf der knallharten Unterlage lässt sich nicht schreiben und immerzu meint man, vom spiegelnden Glas Staub wischen zu müssen. Was macht diesen Tisch so begehrt? Wer daran sitzt, demonstriert: Ich bin modern. Dafür nimmt er hin, was ihm nicht gut tut. Und das geht mit Häusern genauso.

Dann halten wir uns mal am guttuenden Detail fest: Auf welchem Stuhl sitzen Sie denn jetzt, während dieses Telefonats?
Gute Frage. Ich sitze auf diesem unglaublich haltbaren, stabilen Stahlstuhl mit straffem weichem Polster von Eames. Der hat alle Qualitäten der Körperfreundlichkeit. Zeitung lese ich in einem diesmal sogar gelungenen Modell Le Corbusiers, dem Stahlpolstersessel. Noch lieber setze ich mich in den großen alten Ohrensessel meines Vaters. Dort sitzt man hoch, fest, ist nach allen Seiten gesichert; falls man bei langweiliger Lektüre einschläft, sinkt der Kopf ganz sanft auf dessen Ohren.

Sie sitzen nicht nur auf Sesseln, sondern sind auch ein aktiver und sehr einflussreicher Architekt. Ihre Stimme wird gehört. Jetzt, im Alter von 80 Jahren, welches sind Ihre Projekte, die Sie gerne noch umsetzen möchten, sozusagen als Vermächtnis eines Volkwin Marg?
Ich habe gerade ein Buch fertig, das aus Gesprächen mit mir besteht. Der Titel ist: ‚Der Verstand so schnell, die Seele so langsam‘. Es geht um die Spannung zwischen Vernunft und Gefühl, zwischen Logik und Intuition. Um die Rangfolge zwischen Wichtigem und Unwichtigem. Auf Architektur übertragen, zum Beispiel, dass Architekten besser mehr Stadt als Zusammenhang und nicht nur autistische, einzelne Häuser bauen. Das heißt, dass Architekten den übergeordneten kulturellen und städtischen Kontext sehen.Wenn Sie heute durch neue Quartiere laufen, dann sehen sie keine räumlichen  Gemeinschaftsinszenierungen mehr,  keine lebendigen Straßenräume und Plätze. Architekten bauen nur noch Häuser, aber kaum städtische Zusammenhänge. Das gilt nicht nur für Deutschland. Gewachsene urbanistische Traditionen gaben früher in den Gesellschaften die Bindekraft. Das ist bedauerlich. Die beliebten europäischen Bürgerstädte sind wunderbare Modelle für die Inszenierung öffentlichen Lebens mit modernen Mitteln, das muss man nur wahrnehmen. Und Wahrnehmung heißt Ästhetik.


Volkwin Marg: Die Welt eines Architekten

Eröffnung:
Freitag, 21. Oktober, 18.30 Uhr
Ausstellung:
22. Oktober bis 1. Dezember 2016
Ort:
Aedes Architekturforum, Christinenstr. 18-19, 10119 Berlin

www.aedes-arc.de



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Volkwin Marg, Foto: Wilfried Dechau

Volkwin Marg, Foto: Wilfried Dechau

Volkwin Margs Lieblingshaus: die Villa Köhnemann in Hamburg, gmp (1969), Foto: Heiner Leiska

Volkwin Margs Lieblingshaus: die Villa Köhnemann in Hamburg, gmp (1969), Foto: Heiner Leiska

Und noch ein paar Lieblinge: Ferienhäuser Apfelhof in Mecklenburg Vorpommern,  gmp (2012), Foto: Heiner Leiska

Und noch ein paar Lieblinge: Ferienhäuser Apfelhof in Mecklenburg Vorpommern, gmp (2012), Foto: Heiner Leiska


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