Auch Studenten werden alt
Experimenteller Wohnungsbau in Berlin-Wedding
Nicht jeder experimentelle Wohnungsbau hält, was das Beiwort „experimentell” auch verspricht: Eine Art Versuchsaufbau zu sein, mit dem neue Formen des Zusammenlebens erprobt werden können. Die kürzlich fertiggestellten Zwillingsbauten in der Amrumer Straße im Berliner Wedding verdienen jedoch zweifelsohne die Bezeichnung „experimentell” – und sie überzeugen gleichermaßen. Entwickelt und geplant haben sie die ARGE carpaneto.schöningh architekten + Lemme Locke Lührs Architektinnen in einem prozesshaften Dialog mit den Nutzer*innen und im Auftrag der städtischen Wohnungsbaugesellschaft Gewobag. Beteiligt waren außerdem auch noch Buddensieg Ockert Architekten. Alle Büros haben ihren Sitz in Berlin.
Das Programm der beiden Häuser, die auf städtischen Grundstücken errichtet wurden, ist mit dem Begriff Wohnungsbau nur unzureichend zu beschreiben. Zum einen sollten die Architekt*innen in neue Wohnformen – Stichwort: Clusterwohnungen – auch umfangreiche Gemeinschaftsflächen integrieren. Und zum anderen war von Anfang an erwünscht, auch die mögliche Genese des Zusammenwohnens zu berücksichtigen: So könnte sich im Laufe der Zeit die Nutzergruppe ändern, oder die Ansprüche an das Zusammenleben könnten sich wandeln, wenn beispielswiese später ein Bedarf nach Arbeitsräumen entsteht. Solch einer ungewöhnlich komplexen Aufgabenstellung sahen sich die Architekten im Rahmen des Projektaufrufs des Senats für „Experimentellen Geschosswohnungsbau in Berlin“ von 2015 gegenüber gestellt. Die frühen konzeptionellen Planungen gehen vor allem auf die Arbeit von carpaneto.schöningh zurück.
In ihrer ersten, jetzigen Lebensphase dienen die beiden Gebäude, die passend zu ihrer Lage an der Amrumer Straße als Norderoog und Süderoog bezeichnet werden, als studentische Wohnhäuser. Konzeptionell unterstützt wurden die Projektmacher durch Vertreter des Studentendorfs Schlachtensee, die mit der Rettung und Sanierung der eigenen Anlage viel Kompetenzen entwickelt haben dürften. Wohnen wird man im Wedding, unweit der Beuth-Hochschule und direkt gegenüber des Virchow-Klinik-Campus, in Zukunft für moderate 350 Euro pro Platz. Insgesamt 195 Studierende finden hier eine Unterkunft, die Gesamtbaukosten (KG 200-700) betrugen brutto 18,5 Millionen Euro.
Das Programm der Zwillinge war vor allem durch ihre Lage an der stark befahrenen Amrumer Straße bestimmt. Die Architekt*innen wählten eine lärmrobuste Konfiguration aus Hülle und Kern, die zur Straße hin als grünlich schimmerndes Profilglas erscheint. Dahinter befinden sich die Gemeinschaftsräume, die damit zugleich die Fassade beleben. Zum Hof sind dann die Wohnräume positioniert. Sie unterteilen sich in Einheiten für je acht Personen in vier Modulen, die die Architekt*innen als Doubletten bezeichnen. Jedes dieser straff organisierten Module verfügt neben den beiden Privaträumen auch über eine Küche und ein eigenes Bad. Mit der Funktion der Räume variiert auch der Ausführungsstandard der insgesamt 250 Quadratmeter großen Einheiten, der im Wohnbereich höher und im Gemeinschaftsbereich niedriger ist. Übergreifende Gemeinschaftseinrichtungen wie Waschcafé, Fitnessraum und Learning-Lounge ergänzen das Angebot. Weitere EG-Flächen sollen außerdem im Sinne einer Integration ins Quartier vermietet werden.
Mit der studentischen Zielgruppe ging die Wohnungsbaugesellschaft offensichtlich auf Nummer sicher, bei ihr stimmen das Bedürfnis nach Gemeinschaft und die Bereitschaft zum Experiment überein. Herausfordernder wird das Projekt, wenn die Räumlichkeiten tatsächlich umgenutzt werden sollten. Eine kombinierte konstruktive Struktur aus Stützen im Gemeinschafts- und Schotten im Wohnbereich würden auch durchgesteckte Wohnungen erlauben. Mehrere Module könnten für dieses Wohnungsmodell zusammengelegt werden, woraus sich dann drei separate Treppenaufgänge ergäben, die im Sinne der Altersgerechtigkeit wiederum durch Aufzüge ergänzt werden könnten.
Wer nun dem Experiment anhand der Bilder noch nicht ganz traut und das Projekt lieber selbst in Augenschein nehmen möchte, hat dazu bald Gelegenheit. Im Rahmen des Tags der Architektur am kommenden Wochenende werden die Zwillinge Norderoog und Süderoog mit Anmeldung bei zwei Führungen zu besichtigen sein. (sb)
Fotos: Jan Bitter, Andreas Trogisch
Im Ganzen kann man mit der Qualität der Diskussion und der Einhaltung der Netiquette hier schon ziemlich zufrieden sein, finde ich.
a) Das Haus ist kein Studentenwohnheim, sondern ein normales Wohnhaus, dessen Angebot sich zunächst mal nur an Studenten richtet. Die Gewobag als städtische Wohnungsbaugesellschaft ist zu solchen Angeboten verpflichtet, es wäre aber vermutlich jederzeit möglich, einzelne Wohnungen regulär zu vermieten, wenn an anderer Stelle weitere studentische Wohnungen geschaffen werden. Und das natürlich dann auch zu marktgerechten Preisen. b) Die Gesamtkosten liegen insgesamt bei absolut üblichem Gewobag-Neubau-Niveau, billiger bekommen es die Wohnungsbaugesellschaften einfach nicht hin. Aber wer deren sonstigen Neubaukram mal näher angeschaut hat, der wird hier schon einiges an Qualität entdecken. c) Damit die Wohnungsbaugesellschaften innerhalb ihrer ganz normalen Gewinnverpflichtung im Neubau solche günstigen Angebote für 350 Euro machen können, werden studentische Wohnplätze durchweg subventioniert. Das machen übrigens fast alle Städte mit ähnlicher Problemlage so. d) Eventuell, das weiß ich aber nicht, hat man die Wohnform Studentisches Wohnen auch deshalb gewählt, weil damit - ebenso wie bei gedeckelten Angeboten beispielsweise für Wohnberechtigungsscheinbezieher zum Teil auch zusätzliche Erstellungssubventionen abgerufen werden können. Egal wie man es dreht und wendet, das Ding dürfte sich ganz normal amortisieren, die Gewobag-Leute können schon rechnen, keine Sorge. e) Die Clusterwohnung wird fast überall genau so interpretiert, auch im vielzitierten Vorbildprojekt Kalkbreite gibt es dunkle Korridore. Hier kommt immerhin die platzsparende Variante mit zwei Zimmern pro Küche-Bad zum Einsatz, in Zürich werden sogar komplette Einzimmerwohnungen geclustert, mit entsprechender Redundanz. Das sind sicherlich Speziallösungen für wenige Menschen, aber zum Beispiel suchen meine Eltern gerade nach solchen Ansätzen für ihr Alterswohnen mit Freunden. f) Und zum Schluss noch ein Wort zu den geschlossenen Fassaden, wer mal vergleicht, wird feststellen, dass der Klarglasanteil unwesentlich geringer ist, als bei den Altbauten darum herum. Insbesondere wenn man die offenen Treppenhäuser mitrechnet. Und nein, ich finde die Ästhetik nicht gelungen, alles andere als das, aber genau hinschauen muss man trotzdem. Fazit: Wie so oft haben die Kommentatoren beim Baunetz leider keine Ahnung, wovon sie sprechen.
sie meinen wohl 22,6 jahre, nicht monate. reparaturen, steuern, finanzierungszinsen nicht eingerechnet. und wenn die 350 euro warmmiete sind, dann kommen auch noch heiz- und müllkosten usw. hinzu. dann amortisiert sich das haus vielleicht nach 35-45 jahren - genau dann, wenn es zeit für eine fette generalsanierung bzw. den abriss ist. @Peter: warum macht die stadt so irre vorgaben, umnutzbare studiwohnheime zu planen? glaubt man in berlin, dass es in 20-30 jahren keine studenten mehr gibt? oder dass diese bis dahin so reich sind, dass sie nicht mehr in wohnheimen leben, sondern ausschließlich in perfekt sanierten charlottenburger altbauwohnungen? allein diese seltsame vorgabe macht das projekt sinnlos kompliziert und unwirtschaftlich, scheint mir.
Die Fassade ist immer auch ein Teil der Stadt. Eine Fassade darf und sollte sich nie auf sich selbst beziehen oder eine reine Reaktion auf das Innenleben des Gebäudes sein. Die Grundrisse lösen bei mir keine Begeisterung aus.