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03.01.2017

Laterne der Repräsentation

Europäischer Rat in Brüssel von Philippe Samyn fertiggestellt


In diesem Glashaus kann man mit Steinen werfen – die doppelte Hülle aus kugelsicherem Glas ist ein wesentliches Element des umfangreichen Sicherheitskonzeptes: Das kürzlich fertiggestellte Europa-Gebäude in Brüssel von Philippe Samyn and Partners architects & engineers komplettiert das vom Europäischen Rat und dem Rat der Europäischen Union genutzte Ensemble zwischen Lex- und Justus-Lipsius-Gebäude und umfasst neben einer mehrgeschossigen Tiefgarage auch eine Gleisanlage im Untergrund. Gegenüber liegen das Charlemagne- und das Berlaymont-Gebäude. Beide werden von der Europäischen Kommission genutzt. Weitere Projektbeteiligte waren Studio Valle Progettazioni und die Ingenieure von Buro Happold.

Die Außenfassade des Glaskubus sieht nicht nur so aus, sie wurde tatsächlich aus vielen aufbereiteten alten Fenstern zusammengesetzt, die man aus dem Gebiet der Europäischen Union zusammengetragen hatte. Die Tagungsräume, ausgestattet mit farbenfrohen Decken, Türen und Teppichen des Künstlers Georges Meurant, befinden sich in einer bauchigen Stahlstruktur auf ovalem Grundriss, die frei im Raum steht. Diese „Laterne“ wird von außen sichtbar, indem weiße Streifen auf ihrer Glaswand das Licht vieler LEDs an der Innenseite der Außenfassade reflektieren – sie wurde in das Logo des Europäischen Rates aufgenommen.

Das auskragende Dach aus halbtransparenten Solarpaneelen überragt nicht nur den integrierten Résidence Palace aus den Zwanzigerjahren, sondern auch das nach dem flämischen Philosophen und Wegbereiter des Absolutismus Justus Lipsius benannte Nachbargebäude. Letzteres war 1994 für die damals 12 Mitgliedstaaten in Betrieb gegangen, nachdem man es laut Spiegel schon beim Bau mit illegalen Abhörvorrichtungen ausgestattet hatte. Die dringend benötigte Erweiterung in ihrer mehrschichtigen Transparenz präsentiert sich nun im Geiste zeitgenössischer Architekturtendenzen, indem sie Baustoffrecycling, Nutzung Erneuerbarer Energien und effiziente Haustechnik mit der symbolhaften Offenheit eines Glaskubus verbindet.

Das Denkmal unter dem demokratischen Überbau steht mit einem dunklen Kapitel der belgischen Geschichte in Verbindung: Die Ausbeutung der Kolonie im Kongo brachte Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts einen kleinen Kreis belgischer Familien zu großem Reichtum. Der Architekt Michel Polak kam aus der Schweiz nach Brüssel, um für diese Oberschicht zu bauen. Mit dem Résidence Palace errichtete er im Auftrag des Unternehmers Lucien Kaisin Luxuswohnungen im Jugendstil. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Haus von der belgischen Regierung genutzt. Als 2004 die Entscheidung des Europäischen Rates für einen Erweiterungsbau fiel, wurde es teilweise unter Schutz gestellt. Die Brüsseler Architekten Samyn and Partners gewannen 2005 den internationalen Wettbewerb. Die Eröffnung verzögerte sich um vier Jahre, die Kosten stiegen von 240 auf 320 Millionen Euro.

Mit seiner soliden architektonischen Umsetzung durch ein etabliertes einheimisches Büro passt sich das Projekt zwischen seinen durchaus repräsentativen Nachbarn und Vorgängern ein. Die Macht der EU demonstrieren nicht nur die Gebäudebrücken als traditionelles Mittel zum Schutz der Mächtigen vor dem Volk: Die vielen ausrangierten Fensterrahmen fielen nicht zuletzt in Folge europäischer Energiesparpolitik an. Nachdem die Öffentlichkeit am 10. Dezember zur Besichtigung des Neubaus eingeladen war, wird sie den meisten Sitzungen fernbleiben müssen, die dort in den nächsten Monaten erstmals stattfinden sollen. Das Symbol illustriert die Ambivalenz demokratischer Repräsentation, wie sie derzeit auch um das Haus der Kunst München diskutiert wird. (dd)

Fotos: Marie-Françoise Plissart, Quentin Olbrechts, Thierry Henrard,
Jacques Ceyssens, European Union


Zum Thema:

Mehr über die doppelte Glasfassade des Europäischen Rates hält Baunetz Wissen bereit.


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