Sehnsucht (drei): Wolfgang Bachmann
Die BauNetz-Kolumne vor der Biennale
Am 29. August 2010 öffnet die 12. Architekturbiennale in Venedig ihre Pforten, das Thema des deutschen Beitrags lautet „Sehnsucht“. Wir lassen jede Woche einen Autoren über Sehnsucht und Architektur schreiben, heute Wolfgang Bachmann, der die Tüllgardinen der Sehnsucht unter die Lupe nimmt:
Architektur und Sehnsucht. Warum nicht? Oder: Besser nicht?
Man könnte Architektur auch mit Leidenschaft verbinden, ebenso mit Frieden, Harmonie, Glück, Ordnung, Herrschaft, Lüge, Tod. Man kann alles mit allem zusammenbringen, das ist die Methode des postmodernen Diskurses. Feuilletonistisches Cross-Selling. Zählt bei den Berufsverbänden zum beliebten Zugabenteil, man will ja nicht immer nur über die HOAI oder das Wettbewerbswesen räsonieren, das Volk soll auch unterhalten werden. Also sucht man den offenen kulturellen Dialog, gerade Architektur als die populäre öffentlichste Kunst profitiert von dieser Orientierung. Hat man ihren schöpferischen Vertretern nicht immer ein weites musisches Talent unterstellt, die Nähe zur Philosophie, zur Geschichte und Literatur, zur Musik und Malerei – oder wenigstens zu Küche und Keller? In Zeiten wie diesen, wo die Investoren immer unverschämter werden, das Publikum ignoranter, die Bauphysik undurchsichtiger, wo Gesetze und Ausführungsverordnungen die letzten kreativen Freiheitsgrade beschneiden, da besinnt man sich auf die Baukultur mit ihren kapriziösen Facetten. Architektur und... Seele. Genau, das hatten wir noch nicht.
Viel ist nicht zu verlieren, manchmal geht es schief. Dann gibt man den fremden Disziplinen die Schuld: Na, ja, ein Psychologe beim Sommerfest der Delegierten. Hat er ja ganz nett gemacht, dieser Sofapraktiker, aber nun müssen wir mit dem Staatssekretär reden. Die Fördermittel dürfen nicht weiter reduziert werden. Die öffentlichen Aufträge liegen brach, der Wohnungsbau ist am Ende. Schluss mit lustig!
Dann führt uns die Sehnsucht nicht zur Architektur? Mädchenträume, Trockenblumen, Tüllgardinen. Aphorismen fürs Poesiealbum. Man sollte sich auf ernste Dinge mit funkelndem Spott und brillantem Witz einlassen, aber den oberflächlichen Flitter nicht mit der Aufklärung verwechseln.
Wolfgang Bachmann ist Chefredakteur der Zeitschrift „Baumeister“.
Zuvor haben hier die „Walverwandtschaften München Zürich Boston“ (Sehnsucht eins) und der niederländische Architekturhistoriker und -kritiker Bart Lootsma (Sehnsucht zwei) geschrieben.
Warum ist Sehnsucht eigentlich "deutsch"? Nur wegen Goethe und Fontane oder haben "wir" da noch irgendein copyright drauf? Haben Spanier, Mexikaner, Chinesen keine Sehnsucht? ich bitte euch. Dort gibt es bestimmt 17 verschiedene Wörternuancen für Sehnsucht....
@ellybis: "Grenzwissenschaften", eine Anspielung auf (Fach-)Medium. Wir wollten diese Auszeichnung nicht als Eigenlob mitteilen, daher der leise Spott.
Sehnsucht, ein typisch "deutsches" Gefühl.
Was wollen Sie uns eigentlich mit Ihrem Kommentar sagen?
nun lassen sie dich über die Sehnsucht schreiben, wo du m.E. der einzige bist, der keine hat oder sie uns nicht mitteilt. Gib uns doch Geschichte und gib uns Zukunft. Beide benötigen wir so sehr. Du bist doch einer der wenigen, die schreibend Aufbau betreiben könnten. Aber du tust es nicht! Was alles Unschönes am Bau läuft, ist historisch und empirisch ein Dauerbrenner. Also bekannt. Das zu beweinen nützt uns doch nichts. Architektur und das Volk waren doch seit ihrer Entstehung ein Widerspruch. Aber vielleicht geht's ja doch irgendwie!
Wolfgang, legt die Guide Lines aus und die Messlatte hoch, auf zur WB-Architektur, wir brauchen Orientierung und nicht Prügel, das macht die ohnehin nicht leichte Aufgabe der Architektur doch nur noch schwerer. Wer sollte es sonst können, wenn nicht du!
Herzliche Grüße und einen Schluck Elbwasser zur Kühlung sende ich Dir. Dein Volker Roscher