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Wie baut man als Architekt ein Haus für Google?

Von der Abfahrt ins Silicon Valley

Kai-Uwe Bergmann über Facebook, Apple und intelligente Büros

Wie baut man als Architekt ein Haus für Google – an dieser Aufgabe haben sich schon einige Architekten die Zähne ausgebissen. Kai-Uwe Bergmann plant mit BIG und Thomas Heatherwick gerade das neue Headquarter für die monströse Suchmaschine. Dass er selbst keinen festen Schreibtisch mehr hat und es bei BIG auch kein Chefbüro gibt, passt nicht nur zum eigenen Büro, sondern auch zu den Bauherren der Bjarke Ingels Group. Ein Gespräch über Apple, Google und Facebook – und über die Arbeitswelt der Zukunft.

Von Jeanette Kunsmann & Stephan Burkoff

Was ist wichtig, wenn man als Architekt heute ein Bürogebäude entwirft?

Wir haben durch unsere Arbeit gelernt, dass die Flexibilität viel ausmacht. Wenn man einem Klienten wie Google sagt, dass wir als Architekten ein Jahr für die Konzeption und Ausarbeitung brauchen, die Genehmigungsplanung noch mal ein halbes Jahr dauert, und dann kommen noch zwei oder drei Jahre Bauzeit – also insgesamt fünf Jahre: Das ist extrem lange. Man muss sich nur vorstellen, was Google in den letzten fünf Jahren gemacht hat: von einer Software-Firma über Mapping und Driverless-Technology bis hin zu Mobiltelefonen. Die Ingenieure und die Arbeitsverhältnisse sind total anders. Also beschleunigen wir entweder diesen Fünf-Jahres-Prozess oder wir bauen Plätze, die sich relativ einfach umwandeln können. Das ist die Herausforderung für Architekten: diese Flexibilität einzuplanen und auch zu bauen.

Flexibilität ist ein abstrakter Begriff. Wie äußert sich dies konkret in der Architektur?
Das kann die Raumhöhe sein, die Tiefe eines Büros, es können aber auch Bürolandschaften sein. Den Ablauf eines Arbeitstages versuchen wir gerade neu zu denken.

Ein Bürogebäude soll also möglichst flexibel, gleichzeitig aber auch individuell sein.
Ja, aber es muss ja nicht gleich eine individuelle Fassade sein – es kann auch Licht sein oder die Akustik. Das suchen wir immer: wie sich der Mensch in seiner Umgebung fühlt – Biophillic Design nennt man das. Deshalb planen wir auch die Terrassen für die Bürohochhäuser in New York: Damit man wenigstens auf jeder zehnten Ebene Kontakt mit der Außenwelt hat.

Wenn wir darüber sprechen, wo und wie sich der Mensch wohlfühlt: Was ist Ihre Meinung zum Großraumbüro?
Das ist wieder eine Frage der Akustik und von Nähe und Raum. Dazu erarbeitet Google unheimlich viele Studien. BIG realisiert ja gerade drei Gebäude für Google mit jeweils bis zu 4.000 Mitarbeitern. Die müssen alle irgendwie miteinander kommunizieren und arbeiten. Dabei stellen sich viele Fragen – auch wie zum Beispiel Gäste in so ein Bürogebäude kommen und sich dort bewegen, wo wird ruhig gearbeitet, wo sind die Konferenzräume? Ein anderes Beispiel aus Deutschland, denn wir planen gerade unser erstes Projekt in Frankfurt: ein Bürohaus mit Wohnungen. Damit kommen zum ersten Mal High-Rise-Wohnungen in die Frankfurter Innenstadt. Das ist hochinteressant, weil sich gleichzeitig die Frage stellt, ob man in Frankfurt überhaupt bereit ist, in der 40. Etage zu wohnen. Wir denken schon. Denn dort gibt es Qualitäten, die man sonst nicht haben kann.

Nochmal zurück zu Google: Wie schafft man denn als Architekt diese Flexibilität und gibt es eigentlich Vereinbarungen für die Zukunft, für Änderungen und Umbauten in zehn Jahren?
Bei Google ist es ja ein Spezialfall: Wir sind ja schon das fünfte Architekturbüro, das überhaupt Headquarters für Google plant. Man kann die ersten vier fragen, ob sie diese Flexibilität geschafft haben, und es nicht gesagt, dass wir es schaffen! Wir haben zusammen mit Thomas Heatherwick unsere Ideen zu Papier gebracht und unsere Hoffnung ist natürlich, dass diese nun auch Realität werden. Google hat ja in seiner Geschichte, also seit den Neunzigern, bisher nur bestehende Gebäude von Sun Microsystems übernommen – und verstanden, dass dieser alte Bestand sie hemmt und einzwängt. Jetzt sucht man mit den neuen Headquarters ein physisches Äquivalent von Google. Wie kann man ihre Arbeitsmethode darstellen und gestalten?

Wenn man sich im Silicon Valley umschaut: Apple baut mit Foster diesen Kreis – 12.000 Leute werden dort arbeiten. Das ist wie ein Produkt! (zeigt auf sein Smartphone) Dieser Knopf hier ist eigentlich wie das Bürogebäude. Facebook hat Frank Gehry nach einer Architektur angefragt, die alle 3.000 Mitarbeiter unter einem Dach vereint. Und Gehry hat einen Walmart genommen – Big Box Retail – und baut das leider echt so billig und setzt am Ende noch ein paar krumme Seiten dran und auch ein paar tolle Social Spaces. Das passt aber für Facebook, denn das Wichtigste für dieses Unternehmen war, dass in Zukunft alle unter einem Dach sind und nicht in einem Kreis arbeiten. Und dann kommt Google, die uns die Aufgabe gegeben haben, kein Produkt zu gestalten und auch kein Gebäude für alle 12.000 Mitarbeiter, sondern sie haben nach einem System gefragt. Und weil Google selbst sehr systematisch denkt – es ist ja eine Suchmaschine –, hat es sich für uns ergeben, dass wir eine Art Zelte bauen, die alle systematisch miteinander verbunden sind. Wir denken genauso viel über den Außenraum nach wie über die Büroräume. Es hängt alles zusammen.

Wie hat Google als Bauherr darauf reagiert?

Sie freuen sich, dass es keine ikonographische Architektur wird. Sie sind viel interessierter an dem gesamten Prozess.

Also mehr wie in der Biologie: Es ist eigentlich ein Organ.
Genau. Ein Organ für Google.

Und abseits von Google und Co. Was glauben Sie, wie sich das Büro in Zukunft verändert?
(überlegt) Ich denke, dass die anderen Architekten, die für Google gearbeitet haben, vielleicht daran gescheitert sind, dass sie immer gesagt haben: Diese Idee ist die richtige! Das Google-Büro der Zukunft kam also auch immer von einer Person. Die Google-Ingenieure denken und handeln aber ganz anders. Sie sitzen zu zehnt in einem Raum, es gibt ein Problem und alle arbeiten an einer Lösung. Du bekommst also keine Antwort von einer Person, die von den anderen ausgearbeitet wurde – es ist mehr eine Gruppenarbeit, vielmehr im Kollektiv, in das jeder seine Expertise miteinbringt. Dieses kooperative Knowledge-Denken bauen wir jetzt für Google.

Setzen Sie denn diese Erkenntnisse auch in Ihrer eigenen Arbeit um?
Ja, so ist auch unser Prozess.

Wie und wo arbeiten Sie?
An einem Laptop und ich setze mich zu den unterschiedlichen Gruppen, mit denen ich gerade arbeite. Bei BIG hat nicht jeder seinen festen Tisch. Wenn ich in Kopenhagen bin, habe ich überhaupt keinen physischen Platz. Bei Bjarke ist es genauso.

Es gibt also bei BIG kein Chefbüro?
Nee, das haben wir nicht.

Wie transportiert man dann einen Zusammenhalt in einem Büro, wenn alles organisch ist?
Die BIG-Kultur versuchen wir so zu stärken, indem wir erstens viele Mitarbeiter haben, die zwischen den Bürostandorten reisen. Wir haben außerdem ein Knowledge-Sharing, das nennen wir Big-School, wo der eine Bigster anderen aus dem Büro Kurse gibt. Und drittens machen wir alle drei Jahre einen gemeinsamen Study-Trip – beim letzten Mal sind wir mit 140 Leuten zehn Tage durch die Schweiz gereist. Und wir haben jetzt 500 Ex-Bigsters, mit denen wir auch in Kontakt bleiben. So baut sich eine Art Community auf.

Das heißt, das persönliche Gespräch ist im Grunde unersetzbar. Sehen Sie das auch so?

Es ist beides – sich in die Augen zu schauen, bleibt immer wichtig. Aber wir arbeiten in 25 Ländern, dazu müssen wir die Technologie nutzen, um all unsere Projekte weiterzuleiten.

Eine Frage zu Ihrem Büro: Wie groß ist BIG?
Momentan sind wir um die 400 Mitarbeiter – aber ich würde es so sagen: Wir würden gerne unter den 10 bis 20 Büros sein, die man anruft, wenn man einen großen Challenge hat: ein Projekt, wo viele Gedanken und Intelligenz gefragt sind.

Aber das ist BIG doch schon?

Na ja, ich weiß nicht … Was meinen Sie, wie viele fertiggestellte Gebäude wir haben?

Gute Frage, schwer zu schätzen: 50?
Nein, es sind nur 16!

Da kommen aber im nächsten Jahr eine Reihe vieler neuer Bauten hinzu.
Ja, es kommt viel im nächsten Jahr, und Anfang 2018 wird auch die Skianlage in Kopenhagen eröffnet! Aber man muss sehen, dass wir in den letzten Jahren unser Potenzial sehr gut kommuniziert haben. Es gibt Bauherren auf unserem Weg, denen wir einfach sehr sympathisch waren. Ein Larry Page, der 43 Jahre alt ist, trifft Bjarke Ingels, der 42 ist, und beide verstehen sich. Das ist nicht so wie bei dem 32-jährigen Mark Zuckerberg und dem 80 Jahre alten Frank Gehry. Da gibt es einen Generationsunterschied!

Angenommen, ich wäre ein großer Bauherr und würde BIG nicht kennen: Welche drei Begriffe müsste ich bei Google eingeben, um Sie zu finden?
„Bjarke“! (lacht laut) Das wäre vielleicht die Nummer eins: „Bjarke“ bedeutet ja „Bär“ und er ist auch ein Bär. (überlegt) Ich hoffe, wenn man einfach „Intelligentes Bauen“ und „Hedonistische Nachhaltigkeit“ sucht, findet man uns – Nachhaltigkeit muss ja nicht wehtun.


Vom 25. bis 29. Oktober 2016 präsentiert Vitra mit Work die Zukunft der Arbeit in Halle 5.2 der Büromesse Orgatec in Köln. Work geht der Frage nach, wie dynamische Räume aussehen, die dem heutigen Verständnis von Arbeit und ihrer Bedeutung in unserem Leben und unserer Kultur gerecht werden. In Zusammenarbeit mit verschiedenen Design-, Architektur- und Technologieunternehmen zeigt Work vielfältige Aspekte, die Arbeitsumgebungen von heute und morgen beeinflussen und die Produktivität verbessern.