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Wohin läuft das Büro?  

Reality Check#03

Büro in Bewegung: Marathon mit On

Adieu Zelle heißt es in vielen Unternehmen, adieu eigener Schreibtisch in anderen, während sich manche Mitarbeiter sogar ganz ins Homeoffice verabschieden. Wie aber sieht die gelebte Realität aus? Bei dem in Zürich angesiedelten Schweizer Unternehmen On zum Beispiel laufen die Mitarbeiter durchschnittlich zwei Kilometer am Tag durch das Büro ­­– auch sonst zeigt sich die Laufschuhmarke sportlich: Der Konferenzraum mit den Stehtischen ist beim gesamten Team beliebter und frequentierter als der bestuhlte Sitzungsraum. Wieviel Bewegung ein Büro bieten kann und vor allem, wie flexibel seine Gestaltung sein muss, erklärt On-Mitbegründer David Allemann, der die Lauflandschaft zusammen mit Planern von Vitra und den Designern von Brunner Mettler entwickelt hat.

Büro der Laufschuhmarke On, Zürich, Foto: Eduardo Perez © Vitra


Läuft bei denen! Wenn man morgens in das Büro der Schweizer Laufschuhmarke On in Zürich-West kommt, sind dort alle in Bewegung: Erst einmal einen Schreibtisch suchen, dann 100 Meter zur Kaffeemaschine und zurück, später noch eine Stunde Konferenz am Stehtisch. Laufen und stehen, zwischendurch mal ein kurzes Gespräch auf dem Sofa – das ist die neue Schweizer Bürokultur.

Als der Ex-Spitzenläufer und mehrfacher Ironman-Sieger Olivier Bernhard mit seinen Freunden David Allemann und Caspar Coppetti 2010 das Unternehmen On gründete, wollte er alles andere als ein Sportbüro schaffen. Den Umzug von On in neue Räume im aufstrebenden Quartier Zürich West, haben die drei Gründer darum zum Anlass genommen, die Bürogestaltung ganz neu anzugehen.

Dem Trio geht es in seiner heutigen weitläufigen Bürolandschaft um eine gewisse Kompaktheit – was angesichts der langgezogenen Grundrissform und der Distanzen zunächst paradox klingt. Paradox oder vielmehr gegensätzlich ist auch das Produkt: „Weich landen, hart abstoßen“, lautet der Claim des neuen Laufschuhs. Dass On im letzten Jahr seine Mitarbeiterzahl verdoppelt hat, reicht allein als Beweis für den Erfolg. Und: „Vorrausichtlich werden wir uns in den nächsten zwei Jahren nochmals verdoppeln“, verrät David Allemann mit Blick auf die Zukunft. Weltweit arbeiten für On im Sommer 2016 rund 100 Mitarbeiter, davon 60 in Zürich.

Wer so schnell wächst und sich verändert, braucht ein dazu passendes Büro. Der neue Hauptsitz ist ein Open Space mit Laufstrecke und bietet eine gute Größe mit genügend Luft nach oben. „Wir haben bewusst keine Wände gebaut, sondern den Grundriss so entwickelt, dass er sich ständig ändern kann. Wir nennen es auch das Flow-Office.“ Im Grundriss entlang der längsten Distanz angeordnet, hat man vom letzten Arbeitsplatz dementsprechend den weitesten Weg zur Kaffeemaschine: „Wer dort sitzt und sich einen Kaffee holt, läuft insgesamt 200 Meter“, erzählt Allemann. Und so kommt es, dass jeder On-Mitarbeiter im Schnitt rund zwei Kilometer am Tag im Büro zurücklegt und das gesamte Team zusammen am Tag einen Marathon läuft. Dabei stehe nicht die Fitness im Fokus, sondern der Austausch, erklärt David Allemann und führt an, dass man so erfahre, wer an dem Tag überhaupt im Büro arbeitet, wer wo sitzt und sich auf dem Weg kurze Gespräche ergeben. „Genau das nehmen die Mitarbeiter enorm positiv auf“, berichtet Allemann. „Unseren letzten Bürostandort konnten wir nicht selbst gestalten. Dort gab es viele verschiedene Räume, man hat sich teilweise tagelang nicht gesehen. Seit wir in unserem neuen Büro sind, haben wir das Gefühl: Wir sind wieder kompakt! Obwohl wir jetzt doppelt so Viele sind, haben wir ein besseren und regeren Austausch.“

Gleiches Recht für alle: Die Gründer sitzen am gleichen Tisch wie die Mitarbeiter, und müssen sich am Morgen auch immer aufs Neue ihren Arbeitsplatz suchen. Jeden Abend heißt es dann: clean your desk, und jeden Montag muss man an einem anderen Ort sitzen als am Freitag. Genau dieses Prinzip der Rotation ist wichtig. „Der Mensch ist eben doch ein Gewohnheitstier“, sagt David Allemann, am Ende säßen dann nämlich alle doch wieder auf „ihrem“ Platz. „Wir möchten den Austausch untereinander sehr bewusst fördern.“ Auch ein Grund, warum bei On die Abteilungen nicht zusammensitzen, sondern getrennt. Anstelle der verschworenen Abteilungen gibt es ein gemeinsames Team. „Ein Team, das weiß, was im gesamten Unternehmen läuft.“

Den Ansatz von Vitra für die Bürogestaltung schätzt Allemann sehr: „Sie bauen keine Büros, sondern eigentlich eine Landschaft, die Kommunikationen zulässt, verschiedene Umgebungen schafft und sich den jeweiligen Bedürfnissen anpasst.“ Wer sich verknüpfen möchte, setzt sich an die große Joyn Bench, an der zwischen acht und 14 Personen arbeiten können – neue Mitarbeiter sitzen hier zu Beginn immer zwischen dem bestehenden Team. Wer in Ruhe ein Telefonat führen möchte, zieht sich auf ein Sofa zurück und wer konzentriert arbeiten möchte, geht in einen der Workbay-Bubbles von den Bouroullecs. Dort ist man akustisch abgetrennt, verschwindet aber nicht komplett hinter einer geschlossenen Tür – „es bleibt immer eine minimale Sichtbeziehung bestehen“, sagt David Allemann. Wer also eine kurze Frage habe, könne denjenigen kurz ansprechen.

Das Programm von Vitra verknüpft Büro, Zuhause und Public Space, „es lässt das alles sehr gut zu“. Jeden Mittwochmorgen findet bei On ein großes Gruppen-Meeting auf dem großen Jasper-Morrison-Sofa statt, dessen Module über Eck angeordnet sind. Überraschend in jeder Hinsicht: Der Konferenzraum, der als Steh-Sitzungszimmer ausgeführt wurde, wird häufiger genutzt, als das bestuhlte Sitzungszimmer – bei On bekommt so auch eine Besprechung in der Gruppe die entsprechende Dynamik.

Den Gedanken, ein langes Distanzbüro zu bauen, hatten Olivier Bernhard, David Allemann und Caspar Coppetti, erst dann haben sie mit Vitra mehrere Workshops geführt und dort untersucht, welche Funktionen wie Rückzug, Verbindungen und Meetings das neue Büro aufnehmen muss und wie diese angeordnet werden sollen. Die detaillierte Planung im Grundriss entstand also in enger Zusammenarbeit mit den Experten von Vitra, ebenso die Auswahl der Möbel. Ein Kernteam um David Allemann und Designer Thilo Brunner vom Studio Brunner Mettler hat die entsprechenden Materialien ausgewählt und auch die Farbigkeiten entschieden – eine konsequente Fortführung der vorigen Zusammenarbeit. „Wir haben mit Brunner Mettler zusammen den On-Schuh und den gesamten Markenauftritt entwickelt, entsprechend wollten wir auch das Büro zusammengestalten“, erläutert Allemann. Die drei On-Gründer suchten gemeinsam mit Brunner Mettler Antworten auf Fragen, wie die Sitzungszimmer-Boxen aussehen sollen oder das Rail-System, das ermöglicht, Schaukästen durch das gesamte Büro zu ziehen. Vitra habe dies ergänzt, so dass am Ende alles zusammenpasst.

„Wir sind sehr bewusst an die Gestaltung unseres Büro gegangen“, sagt David Allemann. „Es ist eher eine Leinwand, die wir in zwei Jahren neu bemalen können, wenn es an der Zeit ist.“ Seine drei Tipps an andere Jungunternehmen: „Macht eine Bürolandschaft ohne viele Wände, in der Informationen und Kultur fließen können. Durchmischt das Team, plant keine festen Arbeitsplätze. Und: Gestaltet den Grundriss so flexibel, dass ihr morgen eine ganz andere Company sein könntet. Denn gerade junge Unternehmen können sich in nur ein bis zwei Jahre komplett verändern.“ David Allemann spricht aus eigener Erfahrung.


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