A-Z
Mein BauNetz

Was wissen Marktforscher über das Büro der Zukunft?

Reality Check#02

Das empirische Büro

Arbeitsprozesse und Abläufe verändern sich und damit auch die Anforderungen an die Bürogestaltung. Adieu Zelle heißt es in vielen Unternehmen, adieu eigener Schreibtisch in anderen, während sich manche Mitarbeiter sogar ganz ins Homeoffice verabschieden. Wie aber sieht die gelebte Realität aus? Michael Weinmann, Head of Central Services bei GfK, erzählt, wie das Berliner Büro als Pilotprojekt in einer ehemaligen Glühlampenfabrik von den eigenen Planern in Kooperation mit Vitra gestaltet wurde, warum besonders Boden und Decke eine entscheidende Rolle spielen und verrät, wie die Mitarbeiter die neue Bürosituation bisher annehmen.

Gesellschaft für Konsumforschung in Berlin, Foto: Eduardo Perez © Vitra

Open-Space heißt das neue Zauberwort in der Bürogestaltung, denn Open-Space bedeutet Freiheit – aber so einfach, wie es klingt, ist es natürlich nicht. „Wenn man dem Mitarbeiter die Wand wegnimmt, muss man viel geben“, weiß Michael Weinmann, Head of Central Services bei dem größten Marktforschungsinstitut Deutschlands. Weinmann hat die Gestaltung des neuen Open-Space-Büros der Gesellschaft für Konsumforschung verantwortet. Neben ihrem Stammsitz in Nürnberg betreibt die GfK einen Big Data Hub in Amsterdam und einen weiteren in Berlin – dieses Frühjahr wurden die dortigen 50 Arbeitsplätze in einem Hauptstadtbüro gebündelt. Der Ort: Eine ehemalige Glühbirnenfabrik in der Naglerstraße in der Oberbaum City. „Zu unseren vorigen Locations ist die Entfernung nicht groß“, erläutert Weinmann die Standortwahl des Unternehmens, das unter anderem die Einschaltquoten für das Fernsehen erhebt. „Friedrichshain-Kreuzberg ist eine tolle Gegend mit vielen Möglichkeiten, hat eine sehr gute Verkehrsanbindung und natürlich einen attraktiver Mietpreis.“ Der wirtschaftliche Faktor spiele schließlich auch immer eine Rolle, aber dennoch gilt für Weinmann: „Location! Location! Location!“ Damit meint er ein attraktives Umfeld, nicht zwingend im Zentrum, aber zentrumsnah.

Warum der Standort so wichtig ist, weiß auch die Personalabteilung der GfK: Für das Recruiting neuer, junger Mitarbeiter entwickelt sich die Frage des Wohnorts und Arbeitsweg mehr und mehr zum Kriterium, sich überhaupt für einen Job zu bewerben. Bei GfK wurde der Big Data Hub geschaffen, um Mitarbeiter anzulocken. Hinzu kommen die inneren Werte: Wer heute acht Stunden am Tag im Büro verbringt, möchte sich dort auch wohlfühlen. „Wir wollen unseren Mitarbeitern ein sehr gutes Arbeitsumfeld mit möglichst guten Optionen zur Kommunikation und Rückzugsmöglichkeiten gleichermaßen bieten“, sagt Weinmann. Sensitive Faktoren wie Wohlfühlen und Sicherheit, Akustik und Haptik müsse man genauso bedenken wie die Raumorganisation und das übergeordnete Arbeitsplatzkonzept. „Für uns ist wichtig, dass wir mit der Zeit gehen und Kommunikation, die sich durch Technik, IT und Software verändert hat, abbilden. Dennoch geben wir unseren Mitarbeitern die Möglichkeit, auch weiterhin konzentriert zu arbeiten und dabei aber keine Nummer in einem Großraumbüro zu sein. Das braucht eine gute Balance.“

Wie wohl fühlt man sich denn als Marktforscher im Open-Space-Büro? Bei der Berliner Dependance der Gesellschaft für Konsumforschung ist der Bezug des Großraumbüros zu frisch, um das Feedback der Mitarbeiter wirklich auswerten zu können – das Büro ist mit 40 benutzten Arbeitsplätzen noch nicht voll belegt, erst ab diesem Punkt wird es interessant. Denn: Im GfK-Hub gibt es keine festen Schreibtische mehr. „Jeder hat einen Platz, aber nicht seinen“, erklärt Michael Weinmann. „Wir haben in Berlin mit unseren Mitarbeitern und in Absprache mit dem Betriebsrat ein Commitment getroffen, dass wir dies gerne mit ihnen zusammen testen möchten." Dabei hat die GfK in Nürnberg und auch woanders viele Open-Space-Büros, allerdings immer mit einer 1:1-Belegung, ohne  Clean-Desk und ohne Desk-Sharing. „In Berlin wollten wir einen Schritt weitergehen – auch im Kontext dessen, dass wir in Nürnberg ein großes Bauprojekt für 2.500 Mitarbeiter planen. Dafür sind unsere Erfahrungen in Berlin extrem wichtig.“

Die Marktforscher wollen die Themen Nonterritoriales Arbeiten und Desk-Sharing für sich selbst ausloten und testen, wie weit sich dies jeweils mit ihrem Alleinstellungsmerkmal (USP) vereinbaren lässt. Gemeinsam mit Vitra, langjähriger Möbellieferant von GfK, haben sie ein extrem flexibles Arbeitsplatzkonzept entwickelt. „Das Open-Space-Office von Vitra in Weil am Rhein, wo jedes Jahr tausende Facility Manager hinpilgern, gilt als DAS Vorzeigebeispiel“, sagt Weinmann. „Es ist quasi die Präambel für offene Büroräume.“ Der Gesellschaft für Konsumforschung war außerdem die Form der generischen Umsetzung wichtig. „Mit Vitra-Consulting, Vitra-Architektur und Vitra-Möbel stammt alles aus einer Hand.“

So kam es, dass das Team von Weinmann zusammen mit dem Betriebsrat und dem Management der GfK nach Weil am Rhein reiste, um dort das Citizen-Office von Vitra unter die Lupe zu nehmen und in einem Auftakt-Workshop die ersten Ideen für das eigene Open-Space-Büro entwickelte. Der Bestand erwies sich dabei mit seiner Kubatur und dem Charakter eines ehemaligen Industriegebäudes als gute Basis, erforderte aber auch einige Eingriffe: „Vorher gab es komplett zellulare Strukturen: Mittelgang, links und rechts Räume. Der Vermieter bekam fast einen Herzinfarkt, als wir gesagt haben, dass wir die Wände alle rausreißen“, erinnert sich Michael Weinmann und lacht: „Ich aber auch!“

Das Modellbüro der GfK ist ein vielschichtiger offener Raum, der sich in zwei Bereiche gliedert: Um den Empfang am Eingang gruppieren sich die Gemeinschaftszonen mit Küche, Stauraum und einem Lounge-Bereich für Gäste und Mitarbeiter. Die anschließenden Arbeitsbereiche sind offen in einem strukturierten Raum angeordnet, der verschiedene Bereiche für das konzentrierte Arbeiten an Einzeltischen sowie für die Team- und Projektarbeit, für Besprechungen und für den spontanen Austausch schafft. Zusätzlich ordnen speziell gefertigte Highboards aus Birke Multiplex den offenen Raum in einzelne Bereiche und bieten dabei den Mitarbeitern des Clean-Desk-Office gleichzeitig den nötigen Stauraum. Die Dynamik einer Fläche ergibt sich auch aus der Flexibilität der Raumgestaltung. Für Micheal Weinmann gehören Zeit, Geschwindigkeit und Flexibilität zusammen. Eine offene Projektfläche bietet Platz für GfK-Mitarbeiter aus anderen Ländern, die gelegentlich in dem Berliner Büro arbeiten. „Dann holen wir vier Hacks aus dem Lager, stellen sie für diese Zeit auf und klappen sie wieder zusammen, wenn wir Platz brauchen.“

Fehlen noch zwei entscheidende Komponenten für den alltäglichen Komfort im Open-Space-Office: Auf den Akustik-Boden mit Akustik-Flies und die Deckenakustik wurde bei GfK großen Wert gelegt. „In dem Moment, wo wir über offene Büroraumflächen sprechen – egal in welcher Größenordnung – spielt Akustik aus unserer Erfahrung die wichtigste Rolle. Damit lebt oder stirbt die Akzeptanz der Mitarbeiter“, meint Michael Weinmann. „Sie nehmen dem Deutschen heute ja sein Büro – und damit seine Intimsphäre. Wir wissen, dass kleine Büroeinheiten unheimlich viele Nachteile haben. Wenn Sie den Mitarbeitern die Wand im Rücken wegnehmen, müssen Sie ihnen auch viel geben. Akustik ist eine der höchsten Sensibilitäten.“

Wie lautet bei so viel Expertenwissen Weinmanns Tipp an andere Unternehmen, die gerade ihr Büro neu planen? „Kopieren Sie nichts, was sie mal irgendwo gesehen haben“,  so sein klares Statement. „Natürlich gibt es Standards für Akustik, Lüftung oder Beleuchtung, aber: Jedes Büro bleibt individuell.“



Vom 25. bis 29. Oktober 2016 präsentiert Vitra mit Work die Zukunft der Arbeit in Halle 5.2 der Büromesse Orgatec in Köln. Work geht der Frage nach, wie dynamische Räume aussehen, die dem heutigen Verständnis von Arbeit und ihrer Bedeutung in unserem Leben und unserer Kultur gerecht werden. In Zusammenarbeit mit verschiedenen Design-, Architektur- und Technologieunternehmen zeigt Work vielfältige Aspekte, die Arbeitsumgebungen von heute und morgen beeinflussen und die Produktivität verbessern. Besuchen Sie Work by Vitra auf der Orgatec, um mehr zu erfahren.