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Ist das Büro eine Stadt oder wird die Stadt zum Büro?

Der Googleplex-Komplex

Wo arbeiten wir eigentlich besser, im Büro oder im Café? Nicht nur bei Google weiß man: Bürostadt ist Stadtbüro. Ein Besuch in Mountain View, Emeryville und an den bürotauglich ausgestatteten Gates am Wiener Flughafen.

Von Ludwig Engel und Stefan Carsten

Wenn man den Googleplex in Mountain View erreicht, ist man durch suburbane Wohnstraßen mit Einfamilienhäusern und Doppelgarage gefahren und hat Office-Parks – gestapelte Büros umgeben von riesigen Parkplätzen – hinter sich gelassen. Nur, um nun in ein kunterbuntes Treiben einzutauchen, das Google in der ehemaligen Konzernzentrale von Silicon Graphics auf der grünen Wiese für seine Mitarbeiter inszeniert. Der Googleplex gibt sich städtisch: Überall stehen bunte Fahrräder zur freien Verfügung herum, es gibt öffentliche Plätze, Cafés, Liegewiesen, Stühle und Tische, die in den Zwischenräumen und Innenhöfen der Gebäude je nach Sonnenstand in eine angenehme Lage geschoben werden können. Auch die Bushaltestellen, an denen die Mitarbeiter morgens aussteigen und am frühen Abend darauf warten, wieder nach San Francisco gefahren zu werden, sehen aus, wie man es von öffentlichen Bushaltestationen gewohnt ist. Der Googleplex ist aber keiner urbanen Umgebung, sondern einem Universitätscampus nachempfunden, wie ihn die meisten seiner Angestellten – junge Absolventen – aus ihren Studienjahren kennen. Die Fotos, auf denen dynamisch lachende Mitarbeiter in bunten, unordentlichen, verspielten und in jedem Fall völlig atypischen Umgebungen ihrer Arbeit nachgehen, prägen das gegenwärtige Bild einer für hochintelligente und -motivierte Mitarbeiter attraktiven, urbanen Arbeitsumgebung.

Keine Autostunde von Mountain View entfernt liegen die Pixar Studios. Hier in Emeryville verwirklichte Steve Jobs Ende der 1990er-Jahre den Prototypen eines Büros, das sich in seiner Gestaltung vor allem an der Förderung von Möglichkeiten zufälliger Begegnungen im Stadtraum orientierte. Für den zentralen Begegnungsraum bediente er sich der Analogie des Marktplatzes, um das zu fördern, was im urbanen Kontext natürlich, im Unternehmenskontext eher gehemmt passiert: „Wenn ein Gebäude Kollaboration nicht fördert, dann verliert man seine Innovationskraft und verpasst die magischen Augenblicke, die nur zufällig entstehen können. Wir haben dieses Gebäude so gestaltet, dass die Leute immerzu aus ihren Büros raus müssen und im zentralen Atrium mit anderen in Kontakt kommen, die sie sonst nicht sehen würden“, beschrieb Steve Jobs seine Philosophie, die auch die Gestaltung der neuen Apple-Zentrale, Foster + Partners „Infinite Loop“, maßgeblich beeinflusste. Bis heute gilt Pixar als eine der nachhaltig kreativsten Firmen, deren Erfolg zu einem nicht unwesentlichen Teil der vom Büro Bohlin Cywinski Jackson umgesetzten Architektur des Studiokomplexes zugeschrieben wird.

Gegenwärtig statten sich immer mehr Unternehmen mit diesen Google- und Pixar-Interieurs aus, um nach außen hin ihre Innovationskraft zu kommunizieren und nach innen den Mitarbeitern das lange Verweilen im Büro zu erleichtern – auch wenn sich die Büros nicht im suburbanen Nirgendwo Mountain Views oder Emeryvilles, sondern inmitten eines belebten Innenstadtviertels befinden. Eigentlich wird all das in unmittelbarem Umfeld angeboten, was mit großen Mühen möglichst authentisch im Büro nachgestellt wird: Hier der firmeninterne Coffeeshop, ein Haus weiter das Café, hier der bürointerne marketplace, nebenan der öffentliche Platz, dort der echte Park, hier das office lawn: Liegestühle auf Kunstrasen. Aber auch die neuen Arbeitswelten wirken in die Gestaltung des Stadtraums hinein: „Städte und Büros fließen ineinander. Die Büros werden in einem sehr oberflächlichen Sinne städtisch, indem sie versuchen, all das anzubieten, was man normalerweise in der Stadt findet“, schreibt Nikil Saval, Autor des Buches Cubed: A Secret History of the Workplace. „Umgekehrt werden nicht nur Cafés und Restaurants, sondern gleich die ganze Stadt eine Erweiterung des Büros.“

Man muss gar nicht nach New Songdo in Südkorea reisen, wo zwischen Incheon und Seoul eine völlig leblose, „unstädtische“ Stadt entstanden ist, deren raison d'être die Nähe zum Flughafen ist. „Alle asiatischen Businessmetropolen können in unter vier Stunden Flugzeit erreicht werden“, wird auf der Website der Stadt angepriesen. Hier wird offensichtlich, dass Urbanität nicht mit Arbeit und Arbeit nicht mit Stadtleben gleichzusetzen ist. Ein Besuch im Google-Office am Embarcadero in San Francisco genügt. Beim Betreten des Bürokomplexes passiert man eine offenbar erst kürzlich geschlossene Filiale einer Coffeeshopkette. Tritt man aus dem Fahrstuhl im vierten Stock, schaut man kurz irritiert zu den sich schließenden Fahrstuhltüren zurück, um sich noch einmal zu versichern, dass man eben wirklich in diesem Fahrstuhl stand, denn vor einem liegt kein buntes, kreative Google Office, sondern ein Coffeeshop! Ein grinsender Google-Mitarbeiter erläutert, dass man den Kollegen das Gefühl geben wollte, nicht bei der Arbeit zu sein, wenn sie es mal nicht ins Googleplex nach Mountain View schaffen, und ja, die Leute an den Kaffeemaschinen, die hätten vorher unten gearbeitet, das wäre für alle ja irgendwie eine Win-win-Situation. Dieser Moment, in dem deutlich wird, dass städtische Infrastruktur komplett verschwindet und der Öffentlichkeit entzogen wird, um hinter die Mauern der Konzerne zu wandern, ist an Absurdität kaum zu übertreffen, hier verlieren Stadt und Büro gleichermaßen ihre Gestalt.

Vor allem die innerstädtischen Bereiche der globalen Kreativmetropolen werden immer mehr zu Erweiterungen von Büros. Die noch vor wenigen Jahren in allen Trendreports auftauchenden „Third Spaces“ – öffentliche Orte wie Plätze, Cafés, Bibliotheken, Bahnhöfe und Flughäfen sind heute schon völlig normale Arbeitsplätze geworden. Am Wiener Flughafen kommt man gerne frühzeitig an, um die bequem und modern zwischen den Gates verteilten Arbeitsnischen mit Steckdose, USB-Ladeanschluss und kostenlosem WiFi zu nutzen, soviel Privatsphäre und Konstanz kann das moderne Open Plan Office (alle in einem Raum) mit seiner floating desk policy (jeder sucht sich morgens einen freien Tisch) gar nicht bieten. Der globale Arbeitsnomade ist eben auf das Generische – man könnte auch sagen das „überall Gleiche“ – und nicht auf das Lokale, das Spezifische angewiesen, so dass öffentliche Infrastruktur wie private Unternehmer auf diesen Geschmack reagieren müssen, um attraktiv zu bleiben.

Gleichzeitig ist auch das „öffentliche Arbeiten“, also das Zurschaustellen der eigenen Produktivität, zum Teil der halböffentlichen Stadtentwicklung geworden. Überall entstehen Co-Working-Spaces, mit Cafés, Bars, Lounges und anderen – im Sinne eines Googleplex-Arbeitsumfeldes notwendigen – Zweitfunktionen des Büros. Bürostadt ist Stadtbüro. Alles ist Arbeit. Alles ist Stadt. Innen und außen werden dabei völlig verzerrt.



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