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Macht Sitzenbleiben im Büro erfolgreich?

Büroarbeiter, auf die Barrikaden!

Die Wahrscheinlichkeit, dass Sie diesen Artikel im Sitzen lesen, ist ungefähr genauso hoch wie, dass Sie sich  früher oder später einmal mit Rückenschmerzen im Wartezimmer eines Orthopäden wiederfinden. Sollten Sie diesen Artikel zudem am frühen Nachmittag im Büro lesen, ist es ungefähr ebenso sicher, dass Sie sich jetzt zu müde fühlen, um diesen Zeilen weiter ihre Aufmerksamkeit ...

Von Ludwig Engel und Stefan Carsten

Eigentlich ist es wirklich verrückt: Seit Jahrzehnten wissen wir, dass ausschließliches Arbeiten im Sitzen ungesund ist. Ungesund für den Körper, ungesund für den Geist. Ein Arbeitsplatz, der dem Büroarbeiter das Sitzen als zusätzliche Option anbietet, würde nicht nur das körperliche Wohlbefinden der Angestellten steigern, sondern auch die klassische Nachmittagsmüdigkeit am Arbeitsplatz lindern. Gegen diesen, unter Arbeitsforschern als „3 o’clock slump“ bekannten Zustand völliger Antriebslosigkeit am Nachmittag, gibt es im Internet übrigens 1001 Tipps und Mittelchen: Tee statt Kaffee, Schreibtisch aufräumen, Pfefferminzöl in den Händen verreiben, dunkle Schokolade essen, ein Rosmarinpflänzchen aufstellen usw. usf. Ein Manager ließ sich während unserer Recherchen sogar dazu hinreißen, die offene Bürolandschaft seiner Firmenzentrale – galeerenähnliche Tischreihen, an denen die Angestellten Ellbogen an Ellbogen auf ihre Monitore starrten – mit dem „3 o’clock slump“ zu legitimieren: „In Einzelbüros fällt jeder in sein Nachmittagsloch. So dicht nebeneinander im Großraum reißen sich die Leute zusammen und arbeiten sich die Müdigkeit weg.“ Aber eigentlich ist die Sache ganz einfach: Verbringt man den größten Teil seiner Arbeitszeit im Stehen, gibt es gar keinen „3 o’clock slump“. Problem solved. Ganz ohne Pfefferminzöl und Kräuterecke auf dem Schreibtisch.

Dabei fing alles so vielversprechend an. Als George Nelson und Robert Probst in den 1960-er Jahren das Action Office entwickelten, hatten sie sich nicht nur von Studien zur gesundheitsförderlichen Arbeitsplatzgestaltung der sich zur gleichen Zeit etablierenden Disziplin von Arbeits- und Organisationswissenschaften inspirieren lassen, sondern in empirischer Feldforschung vor allem die Studios und Büros von Künstlern, Grafikern und Designern ins Auge gefasst. Sie kamen zu der Erkenntnis, dass das ideale Arbeitsumfeld dem Büroangestellten nicht nur Intimsphäre und privaten Rückzug, Orte der Kommunikation und Kontemplation anzubieten hätte, sondern dies vor allem auch in wechselnden körperlichen Positionen zu unterstützen sei. Das Action Office sah als Hauptarbeitsplatz ein großes Stehpult vor, dazu ein kleiner Schreibtisch zum akustisch abgeschirmten Telefonieren, eine niedrige, bequemere Sitzgelegenheit und breite Gänge zum „Spazieren“ im Büro. All das schien den beiden Möbelgestaltern die Grundvoraussetzung für ein menschengerechtes Arbeitsumfeld. George Nelson ging in seinen Erläuterungen zur Gestaltung jedoch kaum auf Steh- und Sitzhaltungen ein, für ihn schien das hauptsächliche Arbeiten im Stehen common sense und nicht weiter erwähnenswert. Und so sah Nelson 1964 in dem Action Office auch vielmehr emanzipatorische Kräfte: „Das Action Office ermöglicht dem Büroarbeiter frei von Überwachung durch Vorgesetzte, seinen Büroraum nach seiner Arbeitsweise zu gestalten und damit eine völlig neue Form der Kontrolle über sein eigenes Arbeitsleben zu erlangen“.

Doch anstelle die Welt der Büroarbeit für immer zu verändern, entpuppte sich das Action Office als totaler Verkaufsflop. Statt an der freien Entfaltung der Mitarbeiter waren die Leiter der im harten Wettbewerb um Kunden befindlichen Dienstleistungsunternehmen vielmehr an räumlicher Effizienz interessiert. Und so gingen Nelson und Probst noch einmal an die Arbeit, um nachzubessern. Differenzen zwischen den beiden führten schließlich dazu, dass Nelson das Entwicklerteam verließ und Probst schließlich allein dafür verantwortlich zeichnete, was als Action Office II die Büroarbeitswelt für immer veränderte. Das „AO-II“ war der erste „Cubicle“ und ein derartiger Verkaufsschlager, dass er der ausführenden Firma angeblich bis heute einen Umsatz von über fünf Milliarden US-Dollar bescherte und im letzten halben Jahrhundert – grob bemessen – ungefähr die gleiche Anzahl von Büroangestellten quälte. „Man muss kein besonders scharfsinniger Kritiker sein, um zu verstehen, dass das Action Office II nicht unbedingt für den Menschen gestaltet ist. Es ist für Planer, die danach trachten, möglichst viele Körper auf engstem Raum unterzubringen, für „Angestellte“ (nicht Individuen), für Personal, Betriebszombies, Untote, die schweigende Mehrheit. Ein großer Markt“, schrieb George Nelson zur Markteinführung der Action Office II.

Bis heute sitzt man also da, im Büro. Eigentlich gibt es inzwischen ein Vielzahl von Büromöbeln, die das Arbeiten im Stehen fördern: Neben klassischer Stehpulte wie Vitras NesTable gibt es – dank Motor – höhenverstellbare Tische, die stark an Krankenhausbetten erinnern, es gibt Stehtische mit Laufband drunter (Work-out Work!), Aufsätze, mit denen man auf einem Schreibtisch einen Stehtisch installieren kann: Alles Kuriositäten aus dem Gestaltungsgruselkabinett, so dass es nicht verwundert, dass der moderne Arbeitgeber lieber haufenweise schicke Bürostühle anschafft. Der Blick in gerade fertiggestellte Prestigebüros bestätigt diese Vermutung. Natürlich gibt es in der neuen Siemens-Zentrale in München, die sich ganz spezifisch den Arbeitsplatzbedürfnissen der „Generation Y“ nähert, Lounges und Stehmöglichkeiten, aber vor allem Schreibtische und Stühle. Und auch Jeff Bezos neues Hauptquartier für die Washington Post ist zwar eine technologisch voll überrüstete Redaktion mit 1.000 Screens, Echtzeit-Social-Media-Monitoren und ca. zwei Twitter-Walls pro Angestellten, aber auch hier gibt es nur vereinzelt Stehplätze und Theken, auch hier herrschen Schreibtische und Stühle vor. Bei Facebook, Google, Apple - überall Stühle. Man muss schon lange suchen, bis man in einem der gegenwärtig aufwändig gestalteten Büros fündig wird: In den von Foster + Partners gestalteten Agenturräumen von R/GA in New York gibt es tatsächlich für jeden Mitarbeiter einen sogenannten „Sitz-Steh-Tisch“. Dies ist wohl so bemerkenswert, dass sich der Agenturgründer Bob Greenberg auch schon fast im Nelson'schen Aufklärerton zitieren lässt: „Wir haben in nichts investiert, was der Vergangenheit zuzurechnen ist (...) wir haben keine Gestaltungsvorschläge umgesetzt, die es verhindert hätten, dass jeder Mitarbeiter seinen eigenen Sitz-Steh-Tisch bekommt.“

Nun könnte man einwenden: Die Tage, die wir noch gemeinsam in Büros verbringen werden, sind im digitalen Zeitalter sowieso gezählt. Dem ist aber nicht so. Die Folgen der Digitalisierung am Arbeitsplatz sind nun weit genug fortgeschritten, um davon ausgehen zu können, dass das Büro bleibt: Als sozialer Ort des informellen Austauschs zwischen Mitarbeitern, als Repräsentativort, an dem Auftraggeber und Auftragnehmer aufeinandertreffen und auch räumlich das gespiegelt finden, was sie beauftragen wollen bzw. leisten und vor allem als Ort, an dem Kontrolle über das Geleistete und zu Leistende möglich ist – so flach die Hierarchien auch erscheinen mögen. Wenn also das Büro weiterhin als physischer Ort bestehen bleibt, so wie die Fernreise oder das physische Meeting, die digitalen Tools uns aber von unserem Schreibtischstuhl befreien, könnte man dann nicht noch einmal ernsthaft über das Stehen als primäre Arbeitshaltung nachdenken? Dem homo erectus sein natürliches Habitat vorzuenthalten, treibt die Büromöbelindustrie bis heute um. Darin liegt eine gewisse Ironie, denn die Ursache, warum sich das Sitzen am Schreibtisch nach und nach als einzig mögliche Arbeitsform etablierte, liegt in den schweren Computern, die irgendwann einmal jeden Schreibtisch zierten. Kurz zur Erinnerung: Sie sitzen nicht an einem so großzügig dimensionierten Schreibtisch, weil Ihr Arbeitgeber Ihnen viel Platz zur Entfaltung einräumen möchte, sondern, weil Sie noch an Tischen sitzen, auf die metertiefe Röhrenmonitore passen mussten. Wie lange werden Sie also noch sitzenbleiben dürfen? Wird der Stuhl gar die Zigarette als Geißel der Menschen ablösen? Schreitet der Gesetzgeber ein und verbietet ... Stuhlwerbung? Doch nicht das Design ist das Problem, sondern die Sozialisation der lernenden Gesellschaft. So lange unsere Kinder und Enkel sitzend die Schulbank drücken und sitzend die Ausbildung absolvieren, wird ihnen auch nichts anderes einfallen, als weiterhin auch auf dem Bürostuhl zu thronen. Die Gestaltung lebenslanger Stehmöglichkeiten ist von ebenso großer Bedeutung für die arbeitende Gesellschaft wie die Realisierung lebenslangen Lernens. Nachdem all das technische Zeugs auf Handtaschengröße geschrumpft ist und der Schreibtisch als Dreh- und Angelpunkt der Arbeit seinen Stellenwert eigentlich schon verloren hat, braucht es schon den Menschen, um sich zu ändern. Und das ist die einzig gute Nachricht.

Büroarbeiter, auf die Barrikaden!



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