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Glücklich sein ohne Arbeit: Geht das überhaupt?

Arbeit macht nicht unbedingt glücklich

Ein Gespräch mit Arbeitsmarktforscher Ronnie Schöb


Wer arbeitet, entspricht der gegenwärtigen sozialen Norm. Ein Interview mit dem Arbeitsmarkt- und Glücksforscher Ronnie Schöb über den arbeitenden Menschen.

Von Ludwig Engel und Stefan Carsten

Die Art und Weise, wie Arbeit gestaltet und wahrgenommen wird, ist die Leitwährung moderner Gesellschaften. Wonach streben wir? Ist die Währung das monatliche Einkommen, das uns mit Ressourcen ausstattet, um Konsum und Status zu leben? Oder werden wir mit Glück und Zufriedenheit entlohnt und begreifen die Arbeit als Teil eines holistischen Lebensansatzes mit Freizeit, Familie und Selbstgestaltung als gleichberechtigte Bestandteile? Ronnie Schöb plädiert für die Freiheit des Marktes, um in einem Wettbewerb der Ideen die richtigen Modelle der Arbeit auf individueller und gesellschaftlicher Ebene zu finden. Deshalb wünscht er sich einen Staat, der Familienpolitik nicht nur als verlängerten Arm der Arbeitsmarktpolitik begreift.


Mit welchen Themen beschäftigen Sie sich im Moment?
Momentan setze ich mich intensiv mit der Frage der Lebenszufriedenheit im Zusammenhang mit der Arbeit auseinander. Vorrangig beschäftige ich mich dabei mit der Lebenszufriedenheit im Hinblick auf die Arbeitslosen, also diejenigen, die an den Rand des Arbeitsmarktes gedrängt werden oder ganz rausfallen. Zufriedenheit hat eine emotionale und eine bewertende, kognitive Komponente. Gerade durch die Betrachtung beider Perspektiven erfahren wir sehr viel über die Zufriedenheit der Menschen. Zum Beispiel wie Menschen auf konkrete arbeitsmarktpolitische Maßnahmen reagieren.

Wie nehmen Sie im Moment die arbeitende Bevölkerung in Deutschland wahr? Die klassischen Indikatoren wie Bruttoinlandsprodukt, Arbeitslosenquote oder Aktienkurse entwickeln sich sehr positiv. Aber das hat mit der real gelebten Wirklichkeit wohl wenig zu tun, oder? Trotzdem ist die Arbeitsplatzzufriedenheit in Deutschland über die letzten 20 Jahre – laut Deutschem Institut für Wirtschaftsforschung – nahezu gleich geblieben.
Ja, auf die klassischen Indikatoren würde ich mich da auch nicht verlassen wollen. Andere Indikatoren können uns ebenfalls wichtige Informationen geben. Wenn z. B. die Arbeitsplatzzufriedenheit runtergeht, so ist dies ein Anzeichen dafür, dass die Leute sich auf die Suche nach einem neuen Job machen.

Wir beobachten momentan, dass wir eine Beschäftigungsquote haben, wie wir sie bisher noch nie hatten. Die Beschäftigten können sich wieder sicherer fühlen, ihren Job auch zukünftig zu behalten. Das war zum Beispiel Anfang der 1990er Jahre ganz anders: Die Arbeitslosenzahlen sind immer weiter angestiegen, mit der Folge, dass immer mehr Menschen Angst um ihren Arbeitsplatz bekamen. Diese Angst hat die Menschen massiv bedroht.

Aber werden die Menschen nicht auch in anderen Branchen regelrecht ausgebeutet, zum Beispiel in der Kreativindustrie?
Die Frage ist, wie starr ist wirklich dieses Entweder-oder. Wie viele Optionen gibt es wirklich, wie stark wird der Druck auf den Einzelnen ausgeübt? Wir Menschen haben ein starkes Beharrungsvermögen. Das, was wir haben, kennen wir, da gibt es keine Unsicherheit. Jeder Wechsel hängt aber mit extremen Unsicherheiten zusammen, und da wir risikoavers sind, scheuen wir diese Unsicherheiten. Dieses Verharren im Bekannten kann man ausnutzen, um Menschen in ihren Jobs zu halten oder, um sie zu zwingen, 60 bis 70 Stunden in der Woche zu arbeiten. Das ist ein Problem, das aber dadurch entschärft werden kann, indem sich Konkurrenten überlegen, wie sie Arbeitsplätze ausgestalten, um attraktiver für umworbene Arbeitnehmer zu werden.

Wie beurteilen Sie in diesem Zusammenhang die aufkommende Forderung nach alternativen Wohlstandsmodellen? Eins ist das bedingungslose Grundeinkommen. Ich persönlich glaube, dass es gerade für die Menschen Freiheitsgrade schafft, die sich heute in diesen prekären Situationen befinden.

Das bedingungslose Grundeinkommen hat sehr viel Charme – und natürlich auch schon sehr viel Historie. Liberale wie Milton Friedman waren es, die das als Erste vorgeschlagen haben. Anstatt den Sozialstaat mit immer neuen Spielregeln ausufern zu lassen, die zu immer neuen Ausweichreaktionen führen, machen wir es einfach andersrum und sagen, wir teilen jedem Grundausstattung zu und finanzieren das über eine einfache, proportionale Steuer. Wunderbar. Die Idee ist sehr schön. Es gibt für mich aber sehr viele Probleme bei der praktischen Umsetzung, die ich kritisch beurteile: So wären beispielsweise die Steuern auf das zusätzliche Arbeitseinkommen sehr hoch und damit die Anreize zu arbeiten entsprechend gering.

Aber auch das System würde sich verändern!

Richtig, heute dominiert ein System, in dem vor allem die Arbeit zählt, während sich bei einem bedingungslosen Grundeinkommen erst ein alternatives Gesellschaftsmodell etablieren müsste. Und da bin ich eher skeptisch. Einerseits hinsichtlich der Schnelligkeit, mit der sich Normen ändern können, andererseits im Hinblick auf den Anspruch, dass Normen sich in eine festgelegte Richtung verändern lassen. Ökonomisch könnte dieses System, wenn überhaupt, nur in einer geschlossenen Gesellschaft funktionieren, aber nicht in einem einzelnen Land innerhalb eines integrierten Europas bzw. der globalisierten Welt. Diejenigen, die etwas bekommen, haben natürlich einen Anreiz, drin zu bleiben bzw. eventuell sogar in das System hineinzugehen. Diejenigen, die in das System netto einzahlen, haben hingegen das Bestreben, es zu verlassen.

Das Rollenbild in der Gesellschaft wandelt sich doch auch?
Ehrlich gesagt, bin ich da skeptisch. Wir haben eine Studie durchgeführt und 350 Arbeitslose, 350 Menschen in Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen und 350 Vollzeitbeschäftige in Berlin und in Magdeburg interviewt. Wir haben gefragt: Was machen Sie am Tag? Anschließend wurde für jede dieser einzelnen Tagesepisoden gefragt, wie es den Einzelnen dabei ergangen ist. Wir wollten damit das emotionale Wohlbefinden, den Stress der Menschen, die Angst, Entspannung etc. erfassen. Das Ergebnis war einerseits, dass Arbeitslosigkeit die Leute extrem unglücklich gemacht hat. Das betrifft die allgemeine Lebenszufriedenheit. Es gab aber andererseits über den Tag hinweg keine Unterschiede zwischen Beschäftigten und Arbeitslosen, was das emotionale Wohlbefinden anbelangt. Die Menschen haben sich emotional an den neuen Alltag angepasst, sie sind aber trotzdem der Meinung, dass sie durch ihre Arbeitslosigkeit soziale Normen verletzen – entsprechend negativ ist hier ihr Selbstbild.

Ich würde jetzt aber argumentieren, dass wir heute noch immer in unserem klassischen Wertekontext gefangen sind und es Anzeichen dafür gibt, dass sich das in der Zukunft in Richtung neues Rollen- und Geschlechterverständnis verändern könnte.

Ich würde mir auch wünschen, dass sich die Normen so entwickeln. Man muss allerdings in zwei Richtungen denken. Auf der einen Seite wünsche ich mir, dass Normen ein Verharrungsvermögen haben, allein um Verführern nicht anheim zu fallen. Auf der anderen Seite wünsche ich mir, dass sich Normenwandel, wie beispielsweise die Gleichberechtigung der Frau im Arbeitsmarkt, auch in anderen Bereichen der Gesellschaft widerspiegeln.

Arbeit bleibt unterm Strich also identitätsstiftend?

Ja, nach wie vor. In dem jetzigen Kontext ist sie identitätsstiftend. Sie macht nicht unbedingt glücklich, aber wenn man arbeitet, erfüllt man eine soziale Norm. Wenn man im Alter der Berufstätigen und gesund ist, ist es sinnstiftend, dem Anspruch zu genügen, dass man arbeiten sollte bzw. in der Lage sein sollte, sein eigenes Auskommen sicherzustellen. Das ist ein sehr robustes Ergebnis in der Lebenszufriedenheitsforschung.

Wie beurteilen Sie die Unterschiede zwischen den Generationen?
Ich merke, dass es der jetzigen Generation deutlich wichtiger wird, Auszeiten zu nehmen und ihre freie Zeit, zum Beispiel das Wochenende, stärker zu genießen. Dies wird von ebenjener Gruppe auch klar geäußert: Es wird wichtiger, dass es außer der Arbeit noch andere Lebensbereiche gibt, die einen der Arbeit vergleichbar hohen Stellenwert haben.

Das spricht für eine klare Trennung zwischen Arbeit und Freizeit. Ich hatte bislang immer das Gefühl, dass diese Grenze tendenziell stärker verschwimmt, da ich überall arbeiten kann, Zugriff auf Mails, Internet etc. habe.
Ich halte das für eine große Gefahr – gerade bei Kreativberufen. Man kann die Arbeit nicht um 17 Uhr in den Schrank sperren und nach Hause gehen. Damit müssen wir lernen umzugehen, und in der Hinsicht bin ich wieder optimistisch. Ich glaube, dass auf jede Bewegung auch eine Gegenbewegung folgt. Immer mehr Firmen sagen: Wir wollen gar nicht, dass ihr am Wochenende die E-Mails lest. Zudem gibt es auch immer mehr Menschen, die einfach ihr Smartphone ausschalten. Wenn dann die Erfahrung zeigt, dass der Arbeitgeber am Montag gar nicht tobt, weil ich von Freitagabend bis Montagmorgen nicht geantwortet habe, ist schon viel gewonnen und die Grundlage für Veränderungen geschaffen.

Welche Faktoren sind für die Zukunft der Arbeit wichtig? Wie könnte es weitergehen?
Es wird in Wellenbewegungen weitergehen. Wir erleben gerade eine Welle, in der Arbeit sehr stark überwiegt. Ich würde mir wünschen, dass die Politik sich langsam umorientiert. De facto verfolgt die Politik momentan ein extrem arbeitsdominiertes Bild einer Gesellschaft. Familienpolitik, die wir heute haben, ist im Wesentlichen eine Politik, die versucht, die Zeit in der Familie zu minimieren, um dadurch das Potenzial für den Arbeitsmarkt zu maximieren. Was ich aber nicht möchte, ist, dass die Politik den umgekehrten Weg geht und die Leitbilder aus den 1950er-Jahren zurückholt. Die Politik sollte vielmehr einen Rahmen schaffen, der dem Einzelnen die Eigenverantwortlichkeit für sein Leben zugesteht. Gleichzeitig muss der Staat dabei aber Sorge für diejenigen tragen, denen das nicht so gut gelingt.

Das heißt, Wachstum bleibt wichtig?
Wenn die Gesellschaft sagt, dass wir mit 30 Stunden Arbeit in der Woche zufrieden sind, ist das vollkommen legitim. Wachstum bleibt aber weiterhin bedeutsam. Wachstum, bzw. Geld verdienen, schafft zusätzliche Freiheitsgrade. Mehr Möglichkeiten zu schaffen in einer Welt, die mit Knappheiten umgehen muss, ist immer besser. Wir profitieren davon, dass Menschen arbeiten wollen, dass sie produktiv und innovativ sein wollen. All das führt zum Beispiel dazu, dass neue Medikamente entwickelt werden, die die Lebensqualität und die Lebenserwartung erhöhen. Und je mehr wir haben, desto leichter fällt es uns, Wohlstand zu teilen. Auch das ist Teil der Möglichkeiten, die unsere materielle Welt und Orientierung schaffen.

Ronnie Schöb ist Inhaber des Lehrstuhls für internationale Finanzwissenschaft an der Freien Universität Berlin. Er studierte Volkswirtschaftslehre an der Universität München und hat dort promoviert und habilitiert. Längere Auslandsaufenthalte führten ihn an die University of Essex und die University of Western Ontario. Vor seiner Tätigkeit an der FU Berlin hatte er den Lehrstuhl für Finanzwissenschaft an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg inne. Seine Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der Arbeitsmarktpolitik, der Reform des Sozialstaates sowie in der Lebenszufriedenheitsforschung. Er ist Autor zahlreicher internationaler Publikationen zu steuer-, umwelt- und arbeitsmarktpolitischen Themen sowie Autor populärwissenschaftlicher Bücher. Zuletzt erschien das gemeinsam mit Joachim Weimann und Andreas Knabe verfasste Buch „Measuring Happiness: The Economics of Well-Being“, zuvor wurde  2012 zum gleichen Thema das Buch „Geld macht doch glücklich. Wo die ökonomische Glücksforschung irrt.“ publiziert.





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