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Exkursion Lehrstuhl Prof. Hild, TU München

16.06.2017

Liberalisierung und Aufschwung

Warschau in den 60er Jahren

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Das Bankgebäude Rotunda PKO, gebaut 1966, wurde im Mai 2017 abgerissen

Eine Zusammenfassung von Georg Meck und Faltmodelle von Greta Weber, Lluis Dura und Florian Matthias

Kurz nach dem Tod Stalins wurde die Abkehr vom Sozialistischem Realismus in der Architektur beschlossen. Ab 1956 öffnete Gomułka, Chef der polnischen Parteispitze, sein Land schrittweise und gestattete den Architekten sich am Geschehen im Westen zu orientieren. Daraus resultierte 1958 der erste große öffentliche Wettbewerb für die Ściana Wschodnia, einem Areal gegenüber des Kulturpalastes.1 Bis 1969 wurden, nach Entwürfen von Zbigniew Karpiński, Jan Klewin und Andrzej Kaliszewski, ein Ensemble im Stil der Moderne, bestehend aus Wohn- und Servicegebäuden, sowie Kaufhäuser verschiedener Architekten realisiert.2

Der Liberalisierung und dem wirtschaftlichen Aufschwung folgten Kaufhäuser, Pavillons und Restaurants. Zu den bekanntesten zählen der erste Supermarkt Polens SuperSam (Jerzy Hryniewiecki 1962-2006)3 mit stützunfreiem Innenraum, Dom Sezam (Z. Karpiński, Andrzej Sierakowski 1966-2014)4, Pawilon Meblowy Emilia (Marian Kuźniar, Czesław Wegner 1969)5 und Gruba Kaśka (Jan Boguslawski, Bohdan Gniewiewski 1967).6 Diese Typologien sind geprägt durch ihre innerlich wie äußerlich klar erkennbaren Konstruktionen, geschwungene bzw. geknickte und auskragende (Vor-) Dächer meist aus vor Ort vergossenen Betonfertigteilen.7

Der hohe Glasanteil der kleinteiligen, flächigen Fassaden (Curtain-Wall) führte zu hellen, lichten Innenräumen voller Ein- und Ausblicke. Die Erdgeschosse der meist freistehenden Warenhäuser waren häufig überhöht und hatten Galerien sowie Serviceräume an den Rückwänden.8 Zum Einsatz kamen einfache, meist günstige Materialien wie Glas, Metal und Stahlbeton. Zu einer Ikone wurde das als Teil der Ściana Wschodnia errichtete Bankgebäude Rotunda PKO (Jerzy Jakubowicz, Jerzy Kowarski 1966). Es ist ein runder, zweistöckiger Skelettbau mit Glasfassade und seinem charakteristisch gefaltetem Dach.9

Die heutige Fundacja Galerii Foksal (Leszek Klajnert 1963) beherbergte kleine Werkstätten und Büros. Es war von Le Corbusier inspiriert: Eckpfeiler aus Beton rahmten die Curtain-Wall, Säulen im Inneren ermöglichten freie Grundrissgestaltung und noch heute gibt es ein begehbares Dach.10

Vor allem in Siedlungen mit tausenden neuen Wohnungen ließen Architekten wie Oskar Hansen oder Jerzy Soltan ihre Erfahrungen aus dem Westen und die Ideen Le Corbusiers bzw. der Avantgarde einfließen. Osiedle Pekin/Przyczółek Grochowski (1968-74) von Oskar und Zofia Hansen nach dessen Prinzip der Offenen Form entworfen und basierend auf dem LCS, Linear Continuous System, begründet auf Corbusiers Bandstadt.  Das Gebäude besteht aus 22 Einzelgebäuden, die durch Laubengänge verbunden ein1,5 km langes Band ergeben. Zu den 1800 Wohnungen, rund 7000 Bewohner, kommen Kindergarten, Grundschule sowie eine Klinik hinzu.11

Mit Siedlungen wie Osiedle Za Żelazną Bramą/Estate behind the Iron gate (Jerzy Czyż, Jan Furman, Andrzej Skopiński, Jerzy Józefowicz 1965-72), hier lebten zeitweise 25.000 Menschen in 19 Blocks, versuchte man der Wohnungsnot Herr zu werden.12 Mit vorfabrizierten Bauteilen waren die Gebäude schnell bezugsfertig, litten jedoch häufig an Lichtmangel, waren grau, monoton und von minderwertiger Qualität.13

Ein außergewöhnliches Beispiel ist Osiedle Sady Żoliborskie (1958-72) von Halina Skibniewska im Stil der Internationalen Moderne entworfen und in mehreren Bauabschnitten realisiert. In kleineren Gebäuden von Grünfläche umgeben, war es Ziel, freundlichen und angenehmen Wohnraum für die Bewohner zu schaffen. Die 24 Gebäude haben drei bis fünf Stockwerke mit 6 Wohneinheiten je Etage. Im Prototyp konnten die Bewohner ihre Wohnung durch bewegliche Wandelemente individuell einteilen.14

Im Zuge der wachsenden Bevölkerung entstanden neue Bahnhöfe (alle Arseniusz Romanowicz, Piotr Szymaniak) für den innerstädtischen Schnellverkehr entlang Durchmesserlinie.15 Zu den wichtigen gehört die Ochota Station (1962) mit seinem als hyperbolischer Paraboloid geschwungenem Dach16 und die Wschodnia Station (1969), bestehend aus Gebäuden auf beiden Seiten der Gleise. Besonders spannend ist das filigran gefaltete und auskragende Dach des Südgebäudes, dessen Tragstruktur aus Stahl ist.17

1 Vgl. Hoffmann/Huber 2015, S. 161
2 Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Ściana_Wschodnia 01.05.2017
3 Vgl. http://cargocollective.com/powojennymodernizm/SuperSam 01.05.2017
4 Vgl. Hoffmann/Huber 2015, S. 176
5 Vgl. http://cargocollective.com/powojennymodernizm/Pawilon-meblowy-Emilia 01.05.2017
6 Vgl. http://cargocollective.com/powojennymodernizm/Gruba-Kaska 01.05.2017
7 Vgl. Hoffmann/Huber 2015, S. 161
8 Vgl. Hoffmann/Huber 2015, S. 176
9 Vgl. Hoffmann/Huber 2015, S. 177
10 Vgl. http://cargocollective.com/powojennymodernizm/Pawilon-rzemieslniczo-uslugowy 01.05.2017
11 Vgl. http://warszawa.wikia.com/wiki/Przyczółek_Grochowski 01.05.2017
12 Vgl. https://pl.wikipedia.org/wiki/Osiedle_Za_Żelazną_Bramą 01.05.2017
13 Vgl. http://www.academia.edu/30161833/WARSAW_Modernism 02.05.2017
14 Vgl. https://archirama.muratorplus.pl/architektura/sady-zoliborskie-ludzka-twarz-architektury-socjalizmu,67_2685.html 02.05.2017
15 Vgl. Hoffmann/Huber 2015, S. 166
16 Vgl. http://cargocollective.com/powojennymodernizm/Dworzec-Ochota-Linia-srednicowa 02.05.2017
17 Vgl. Hoffmann/Huber 2015, S. 169

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