WOHNEN IN DER WELLE

Humanitäre Architektur für Katastrophenschutz und Asyl

Patrick Ernst, Robert Sterzing / Technische Universität Graz
Menschen geraten durch unterschiedliche Ursachen in Notsituationen, sei es durch Umweltkatastrophen, Klimaveränderungen, religiöse Verfolgung oder durch bewaffnete Konflikte. Die sogenannte 'Flüchtlingskrise' trägt eine Problematik nach Europa, welche in ihrer mediengewaltigen Präsenz neuartig erscheint, es jedoch nicht ist. Der UNHCR Halbjahresbericht 2015 spricht von 59.5 Millionen Personen, die sich Ende 2014 weltweit auf der Flucht befanden und geht von einem weiteren Anstieg aus. Die Art und Weise, wie eine Gesellschaft Notleidenden begegnet, ist ein Spiegel ihrer selbst. Eine Architektur trifft stets eine Aussage, ist eine gebaute Entscheidung dafür, was einer Gesellschaft wertig und was es nicht ist. Wohnen findet jeden Tag statt und macht einen erheblichen Teil der Lebensqualität aus. Global betrachtet, wie beispielsweise im Lager Zaatari, im Norden Jordaniens, verbringen Menschen meist mehrere Jahrzehnte ihres Lebens in diesen Siedlungen. Gegenwärtige Lösungsansätze, welche meist temporär kalkuliert sind und damit lediglich minimalen Anforderungen genügen, sind unzureichend. Daher müssen qualitative Eigenschaften einer Unterbringung, wie Raumqualität, individuelle Inbesitznahme und Ästhetik, reflektiert werden.

In Kooperation mit dem regional agierenden Energieversorgungsunternehmen ENERGIE Steiermark und dem europaweit führenden Verpackungsunternehmen DSSmith, wurde die Realisierung eines Prototypen auf dem Campus der TU Graz, ermöglicht. Das Erleben und Dokumentieren der Architektur in einem Selbstversuch waren essentieller Bestandteil der Arbeit. Eine Humanitäre Architektur, die zwei Dinge gleichermaßen kann: qualitativ und kostengünstig zu sein.

Man stelle sich einen Raum vor, der leicht, ökologisch und transportabel ist. Das Modul bietet eine Fläche von 26m² für vier Personen und generiert einen Bereich der Privatsphäre, sowie einen des Beisammenseins. Die Wohneinheit wird natürlich belichtet und belüftet, ist abschließbar und verfügt über einen Stromanschluß. Das klassische Satteldach bildet gemeinsam mit der Ornamentik der Wandmodule, die Symbiose von Elementen verschiedener Kulturkreise. Die Dimensionierung und Materialisierung ermöglichen eine individuelle Möblierung und Inbesitznahme.

Das Projekt verwendet herkömmliche CB-Wellpappe in einer schachtelartigen Modulbauweise, welche gobal herstellbar ist. Pappe ist recyclebar, stapelbar, hoch stabil und leistbar. Die Komponenten werden aus einem Grund- und zwei Folgemodulen gefertigt, welche durch eine Membran feuchtegeschützt sind. Die Module bestehen aus zwei Teilen, die in Selbstmontage gefaltet und ineinandergesteckt werden. Jedes Modul integriert Statik, Dämmung, Schallschutz und Ablage. Das System ist erweiterbar und eigenhändig erneuerbar. Es wird auf kurze Amortisationszeiten, Austauschbarkeit und Flexibilität gesetzt. Die Architektur wird regional produziert, selbst montiert und biologisch zersetzt. Sie findet ihren Einsatz im humanitären Katastrophenschutz.

Campus Masters Wettbewerb


November / Dezember 2016

Facts

Hochschule:
Technische Universität Graz

Lehrstuhl:
IAT Ao.Univ.-Prof. Dipl.-Ing. Dr.techn. Peter Hammerl

Präsentation:
20.06.2016



Abschluss:
Diplom

Rubrik:
Wohnbauten

Software:
ArchiCAD

Weitersagen


Ergebnis erfahren

Wir informieren dich über den Ausgang des Wettbewerbs per Email oder Facebook