Die Eroberung des Körpers

Sportzentrum an der Josefstrasse

Anna Gebhardt / Eidgenössische Technische Hochschule Zürich
Auf dem Areal der ursprünglichen Kehrichtverbrennungsanlage an der Josefstrasse soll ein Sportzentrum errichtet werden. Das Projekt zeichnet eine Geschichte, welche die bauliche Realität der Anlage spekulativ neu interpretiert und ein Manifest zu der Rolle des auf sich selbst bezogenen Individuums innerhalb der städtischen Gesellschaft bildet. 
 
“Die Kehrichtverbrennungsanlage an der Josefstrasse hatte gute Nachbarn. Gute Häuser. Das sieht man an ihren Attikageschossen. An ihren Vor- und Rücksprüngen. Es geht ihnen nicht um die Eleganz der Staffelung, und doch ist es sie, die Staffelung, welche die Häuser zu ehrenwerten Bürgern macht. Denn das Gesetz erlaubt und verlangt sie. Durch das geschickte Zurückbewegen der Fassaden haben die Häuser Raum gewonnen. Ihre Innenräume sind praktisch, ihr Äusseres diplomatisch. Die Häuser leisten alles, was man von ihnen will. Was wichtiger ist: sie leisten alles, was sie können.
 
Auch die Kehrichtverbrennungsanlage tat, was sie konnte. Der Schornstein war ihr Sprachrohr, und er verkündete stolz zu jedem Moment, wie viel unerwünschter Stoff in weissen Dampf verwandelt worden war. 
Die Anlage verbrennt nun nicht mehr. Sie hat ihre fassende Hülle abgeworfen, kaum bedeckt und unvermittelt steht sie da. Was bleibt, sind keine Trümmer, es sind die Eingeweide und die Stränge der Verbrennung. Das Ungetüm, das in seiner Leibesfülle den Ort beherrscht hatte, wird zum kraftstrotzenden Biest.
 
Im Überwinden des Ortes, wie auch der Maschine der Verbrennung ist der verführerische Körper des neuen Hauses zum Vorschein gekommen. Die Objekte, die zuvor in der Logik der Verbrennung ihren festen Platz hatten, werden nun für das Ritual des Sports ausgehöhlt und dienen der Formung des einzelgängerischen Sportlers. Indem er sich durch das Haus bewegt, erkämpft er sich den Körper, der es verdient, hoch droben auf dem Schornstein präsentiert zu werden.
 
Der Sportler, der nun in dem Haus wohnt, hat den Ruf der Gesellschaft nach einer nie aufhörenden Selbstverbesserung erhört - insbesondere den Aufruf zur Selbstertüchtigung. Obwohl sich sein strikter Tagesablauf im Grunde genommen auf sich und seine eigene Verbesserung bezieht, tritt er mit der Aussenwelt in Kontakt. Sie ist ihm das Publikum zur Selbstbestätigung, während er ihr im Gegenzug als schimmerndes Vorbild dient. Der Sportler benötigt dieses Publikum. Seine glorreichsten Momente, das Schwingen an dreizehn Meter langen Ringen, der  kunstvolle Sturz ins tiefe Wasserbecken, werden von den Stadtbewohnern und -besuchern betrachtet. 
 
Das Erarbeiten des perfekten Körpers ist ein Kampf - er führt ihn ebenso gegen sich selbst, wie auch gegen das Haus. Er ist zum Symbol, zum Bild einer ganzen Stadt geworden. Der Sportler hat seine Pflicht erkannt. Sein Körper ist sein Fetisch und sein Kapital. “

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Facts

Hochschule:
Eidgenössische Technische Hochschule Zürich

Lehrstuhl:
Alexander Lehnerer

Präsentation:
03.12.2015



Abschluss:
Master

Rubrik:
Freizeit- und Sportbauten

Software:
Vectorworks, Photoshop

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