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Projektliste

 

 

Haupttor Buchenwald

 

Im April 1945 war Buchenwald das erste KZ, das von den Westalliierten befreit wurde, seine Bilder gingen um die Welt und wurden international zum Synonym für die NS-Verbrechen. Verbrechen, die faßbar werden ließen, was Moderne und Fortschritt auch heißen können. Verbrechen, dessen Bilder sich zwar in das Gedächtnis einfraßen, für die aber noch keine eingeübten Erklärungsmuster bereit standen. Verbrechen, die nicht zu "bewältigen" waren - weder mit Entschädigungen noch mit Trauer und Weinen. Verbrechen, die damit zum potentiellen Störfaktor für tradierte Erinnerungsprogramme wurden, die nun versuchen mußten, aus diesem Ort so etwas wie Sinn herauszuschlagen.

Mit dem Kollaps der DDR verschwand Zusammenhang und Zielpunkt der hier errichteten "Nationalen Mahn- und Gedenkstätte", und es war zunächst Selbstverständliches zu tun: Es mußten neues Wissen gesammelt, neue Ausstellungen konzipiert und neue Denkmale erschaffen werden.

Zunächst wurde die Geschichte des Konzentrationslagers aus den Quellen heraus neu erarbeitet, die entsprechende Ausstellung 1995 im rekonstruierten KZ-Magazin eröffnet. Zwei Jahre später wurde ein weiteres Ausstellungsgebäude der Öffentlichkeit übergeben, es befaßt sich mit der Geschichte des sowjetischen Speziallagers Nr.2. Weniger die Ausstellung, sondern das Gebäude selbst war zuvor heftig umstritten gewesen. Bedingt durch die jahrzehntelange Tabuisierung des Speziallagers in der DDR lag 1990 ein Leerraum des Wissens vor, der zunächst nicht durch Forschung, sondern Projektionen gefüllt wurde. Buchenwald, vor 1989 als Symbol - negativ - für den NS-Terror und - positiv - für die ddr gedacht, wurde nun als Fluchtpunkt verschiedenster Erzählungen auserkoren, die mit dem Vehikel der "doppelten Geschichte" den NS-Staat mit der DDR zu analogisieren wünschten. Vorausgesetzt wurde dabei die massenhafte Inhaftierung von NS-Unbelasteten und Oppositionellen der sowjetischen Besatzungszone im Speziallager. Eine Deutung, die sich in der Folge durch die Forschung nicht bestätigen sollte. Unabhängig davon war bereits 1994 ein Entwurf für das Ausstellungsgebäude prämiert worden, der mit einem überdimensionalen Steg, Pfählen und Scheiben nicht nur den Vorplatz strukturieren, sondern auch die Geschichte bereits in einem allgemeinen Leidtopos interpretieren wollte, bevor der Besucher auch nur einen Schritt in die Ausstellung getan hatte. Die Pläne wurden verworfen, und bei den 1996 erfolgten Umplanungen, die Hand in Hand mit der Konzeption der neuen Ausstellung erfolgten, wurde dann versucht, eine Gestaltung zu verwirklichen, die den Ort nicht eindeutet, den Besucher nicht bevormundet, sondern sich erst mit der Wahrnehmung der Zeitzeugenaussagen und Dokumente erschließt. So wird die Funktion eines neu eingefügten Spaltes, der die mächtige Außenfassade durchbricht, erst deutlich, wenn der Besucher sich ihm von innen nähert. Im Ausstellungsabschnitt, der das Massensterben dokumentiert, wird durch den Spalt der Blick auf das größte und wichtigste "Exponat" ermöglicht: das heute als Waldfriedhof gestaltete gegenüberliegende Grabfeld, sichtbarster Ausdruck des Unrechtes, das sich in Buchenwald 1945 bis 1950 manifestierte. Die Erkenntnis des Leides soll in der Ausstellung nicht in einem vorreflexiven "Ach, wie schrecklich" stecken bleiben, sondern mit Erkenntnissen verbunden werden. Dabei wird die historische Wahrheit dem Besucher nicht vorgeschrieben, sondern als komplexer Prozeß respektiert und als Angebot unterbreitet.

 


Realisierungswettbewerb 1993

1. Preis: Frese/Kleindienst in Zusammenarbeit mit Klaus Dieter Eichler, Nürnberg

Mitarbeiter: M. Gentner

Überarbeitung und Ausführungsplanung: Kleineberg und Partner, Braunschweig

Mitarbeiter: R. Schönhoff

Auftraggeber: Gedenkstätte Buchenwald

Fertigstellung 1997

 

 

 

Lageplan der Gesamtanlage

 

 

 

 

 

 

"Spalt" in der Außenwand

 

 

 

 

 

 

Isometrie

 

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Die neu geschaffenen Denkmale haben eines gemeinsam: Betritt der Besucher das ehemalige Lagergelände, so wird er sie nicht sehen. Vor ihm breitet sich weiterhin das Bild einer weiten, öden Fläche aus, die er zunächst mit seinen Bildern, die er zu diesem Ort mitgebracht hat, füllen muß. Erst wenn er sich in den Bereich der ehemaligen Baracken begibt, nimmt er z.B. eine Lücke wahr. Nähert er sich ihr, so klafft die Lücke immer deutlicher im Boden, über die gesamte Länge einer ehemaligen Unterkunft bricht der Boden weg. Das Jüdische Mahnmal, das hier an der Stelle des jüdischen Blocks 22 von Tine Steen und Klaus Schlosser errichtet wurde, versucht nicht, die Geschichte in einer eindeutigen Botschaft zu symbolisieren. Es sagt zwar, daß hier etwas geschehen ist, das einem den Boden unter den Füßen wegbrechen lassen kann, aber es will nicht einzelne zu Helden verklären und drückt dem Ort auch nicht seinen Stempel auf, will nicht seine Vergangenheitsdeutung verewigt wissen.

Nach den "Selbstverständlichkeiten", den Ausstellungen und Denkmalen, deren Verwirklichung die 90er Jahre des Ortes bestimmten, wird für die Zukunft Buchenwalds nun das Nachdenken über öffentliche Gesten wichtig werden.

 

 


Tine Steen und Klaus Schlosser, Berlin

Auftraggeber: Gedenkstätte Buchenwald

1993

 

 

 

 

Foto des Denkmals

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Über die Art dieser öffentlichen Gesten gibt es kein tradiertes Wissen, es kann nur Experimente geben. Eines dieser einladenden Experimente ist das Projekt Zeitschneise von Walther Grunwald. Es verbindet erneut, was historisch durch die Jagdschneise linear miteinander verbunden, aber doch nicht einfach kausal verknüpft war. Es eröffnet einen Raum, der real vorhanden war und heute erst wieder gefüllt werden muß. Damit ist es eine öffentliche Geste, die den Raum Weimar und Buchenwald, "jenen privilegierten Ort für die Meditation und Erinnerung" (Jorge Semprun), als produktives Feld begreift, auf dem man nicht zu Kreuze kriecht, sondern auf dem man heute - mehr denn je - Erfahrungen machen kann, die geeignet sind, die Sicht auf die Dinge und auch auf sich selbst in Bewegung zu bringen.

 

Schloß Ettersburg - KZ Buchenwald

Walther Grunwald, Berlin.

Mitarbeiter: Olaf Burmeister, Manuela Zimmer,Stefanie Dornis

Auftraggeber: Weimar 1999 - Kulturstadt Europas GmbH

1997-1999

Lageplan

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